Die Idee kommt beim Sprechen.

Wie es wohl war, als er den Brief an seinen Freund schrieb? Ist es am Tag und hell? Oder schreibt er bei Kerzenlicht und der Raum riecht nach Wachs und Ruß? Bestimmt taucht er die Schreibfeder in ein Tintenfass und sie kratzt die Buchstaben in das Papier? Mühsam oder fließende? Ob seine Schwester hinter ihm sitzt? Wie sie es so häufig macht und von der er in seinem Brief erzählt. In dem Brief an seinem Freund.

Wie es wohl war, als er seinem Freund im Brief empfiehlt, dessen Probleme dadurch zu lösen, indem er mit jemanden darüber spricht. „Denn die Idee kommt beim Sprechen.“, so schreibt er. Und er weiß, wovon er schreibt. Denn er selbst spricht mit seiner Schwerster, wenn er Lösungen sucht. Dabei ist es nicht wichtig, ob seine Schwester die Lösung kennt. Es ist wichtig, dass sie ihm zuhört und zu erkennen gibt, dass sie seinen halb ausgedrückten Gedanken, schon begriffen hat. Damit er den Gedanken weiterdenken kann. Ihn strukturieren kann. Dem Gedanken nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende gibt. Jenes Ende, das fehlt, wenn er versucht, den Gedanken mit sich selbst zu besprechen. Er weiß, dass nur im Gespräch mit ihr – seinem Gegenüber – aus einer bestehenden „dunklen Vorahnung“, ein klares Bild wird. Die dunkle Ahnung einer Idee. Das klare Bild einer Lösung.

Ich weiß, wie es bei mir war, als eine Unternehmerin mich nach einem Gespräch auf den Brief Heinrich von Kleists an seinem Freund Otto August Rühle von Lilienstern aus dem Jahr 1805 aufmerksam machte. Und ihn mit unseren Gesprächen in Verbindung brachte.

Ich kannte den Brief nicht. Ich las ihn in meiner Gesprächspause. In meinem Urlaub. Las über Heinrich von Kleist. „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“.

Ich las, was von Kleist seinem Freund empfahl und verstand, was meine Kundin meinte.

Meine Gesprächspause ist beendet. Der Urlaub vorbei. Jetzt sprechen wir wieder miteinander. Um Ihren Gedanken einen Anfang und ein Ende zu geben, sie zu strukturieren. Die Gedanken. Damit aus Ihren „dunklen Vorahnungen“, ein klares Bild wird. Indem wir darüber sprechen.

Denn die Idee kommt beim Sprechen.

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