Sein´s mir nicht grantelig

Er ist 85 Jahre und das Wort „alt“ will mir gerade nicht in den Sinn kommen. Dafür ist er zu jung. Geistig. Vor allem wenn er erzählt. Von sich und seiner Praxis in der er immer noch praktiziert. Jeden Tag, als praktischer Arzt.

Er erzählt von seinem Niederösterreich, von Bewegung, Ernährung – und vom Genuss. Vom Wein. Und von seiner Frau, die bei ihm ist und wiederum von seiner Mutter erzählt, deren gute Gene er geerbt hat. „Aber die besten Gene nützen nichts, wenn wir sie nicht pflegen“, sagt er mit einem Blick, der einen nicht mehr loslässt. Ein Satz, der mir in Erinnerung bleibt.

Aber nicht nur dieser. Viele solcher Sätze werden noch folgen. Sätze voller Lebensfreude und Lebenserfahrung, die mein Vater und ich noch hören werden. In diesem kurzen Gespräch. Bei dieser kurzen Begegnung auf dem Schiff. Auf dem mein Vater sich mit 86 Jahren einen Traum erfüllt. Einmal eine Kreuzfahrt machen. Bei der ich ihn begleiten darf.

Und neue Menschen kennenlernen und mit ihnen sprechen darf. Was mir Spaß macht. Vor allem, wenn ein Mensch so begeistert und offen für meine Fragen ist. Zum Beispiel nach seiner Kraft. Woher er diese für seine Aufgabe nimmt. „Seine Leidenschaft. Er war schon Arzt, als er noch kein Arzt war, als ich ihn kennenlernte“, sagt seine Frau und lacht. Noch mehr lacht sie, als ich sie frage, ob auch sie noch jeden Tag in der Praxis ist: „Natürlich. Ohne mich wäre mein Mann sicher ein hervorragender, aber ein bettelarmer Arzt."

Dann spricht der Arzt mit glänzenden Augen von einer Frau, die vor kurzem mit einer schweren Diagnose in seine Praxis kam. Sie erzählte ihm, dass er sie vor 65 Jahren, damals in seiner Zeit als Assistenzarzt in der Gynäkologie einer Klinik, auf die Welt geholt habe und dass sie sich nun wünsche, dass er sie auch bei ihrem bevorstehenden Abschied von dieser Welt begleite. Mich schaudert es, aber er sagt: „Stellen Sie sich das vor. Ich darf Menschen mit dem, was ich so gerne tue, ihr ganzes Leben begleiten." Ich frage ihn, ob ihn das nicht schmerzt. „Schon, aber es ist das Leben. Es ist mein Leben. Und ich will es noch so lange wie möglich leben.“

„Und schauen sie. Irgendwann ist jedes Leben vorbei. Auch das Ihres Vaters. Auch meines. Auch Ihres. Aber ist es dann nicht schön zu wissen, dass wir jeden Tag etwas tun durften, das uns Spaß gemacht hat? Und das Sinn gemacht hat? Stellen Sie sich vor, Sie müssten jeden Tag etwas machen, das Sie langweilt, und sich zur Arbeit zwingen. Jeden Tag! Das wäre doch die Hölle auf Erden. Ich hatte Freunde, die die Jahre und Tage bis zu ihrer Pensionierung zählten. Das ist doch Wahnsinn. Der Tod auf Raten. Nicht mit mir“. Sagte er mit voller Überzeugung und Kraft.

Ich lache und will noch mehr von ihm erfahren. Von seinem Leben. Von ihm. Doch der Arzt sagt: „Seins mir net grantelig, ich gehe jetzt auf die Kabine, meine guten Gene pflegen. Schlafen. Haben´s a gut Nacht und passen´s auf sich auf.“

Was mein Vater auch macht, denn auch er geht dann ins Bett. Ich nicht. Ich gehe wieder auf Deck, finde einen ruhigen Platz, trinke mir noch ein Glas Wein und denke an den Arzt. An seine Begeisterung und an seine Leidenschaft für seinen Beruf. Seine Berufung.

Die restliche Reisewoche denke ich noch oft an das Gespräch. An das Ehepaar, das wir leider nicht mehr trafen. Doch mir war klar, dass ich nicht „grantelig“, sondern dankbar bin. Dankbar für das Gespräch und die Erkenntnis, dass der beste Beruf nichts nützt, wenn er keinen Sinn mehr gibt. Wenn wir ihn nicht pflegen. Den Sinn. Den Beruf. Das Leben.

Elf Jahre

Elf Jahre lag sie neben mir. Jeden Abend, wenn ich einschlief. Jeden Morgen, wenn ich aufwachte. Sie war da. Verlässlich. 

Tagsüber sorgte sie dafür, dass ich auf dem richtigen Weg blieb, nicht falsch abbog und das Ziel nie aus den Augen verlor. Elf Jahre. Sie gab meinem Leben Schärfe und ließ mich nie den Überblick verlieren.

Natürlich hatte auch sie ihre Ecken und Kanten. Dennoch, sie war ein Teil von mir. Begleitete mich überall mithin. Sie gehörte zu mir. Und ich zu ihr. Elf Jahre.

Aber auch an ihr ging nach elf Jahren die Zeit nicht spurlos vorbei. Ihre leichte Patina wirkte zwar charmant, aber in den letzten Monaten hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht mehr mit ihr stimmte. Ihr Blick wirkte verschwommen. Sie brauchte Distanz. Oder ich wollte sie, die Distanz. Immer häufige schaute ich an ihr vorbei, vergaß und suchte sie. Langsam, ganz langsam spürte ich, dass bei uns etwas nicht mehr passte. Dass sich etwas verändert hat. Dass sich bei mir etwas verändert hat.

Zuerst dachte ich, dass es reicht, auch bei ihr etwas zu ändern. Einfach nur ein oder zwei Dinge zu verändern. Aber schnell war mir klar - war uns klar, dass es bei uns nicht mehr so klar wie früher werden wird. Denn wenn wir Dinge an anderen verändern wollen, können die anderen daran zerbrechen. Nach Elf Jahren.

Dann kam der Tag. Ich lernte eine neue kennen. Oder besser, es waren gleich drei. Alle hatten etwas. Doch alle drei waren anders. Nicht besser, nicht schlechter, nur anderes. Anders als die bisherige. Schlanker, runder oder farbiger. Und ich stellte mir vor, wie es wäre, mit einer von den dreien. Daher stellte ich die drei den Menschen vor, die mir wichtig sind.

Meine Tochter protestierte. Sie schimpfte. Sie wollte nichts Neues. Die alte wäre besser. Sie gehöre zu mir und ich zu ihr. Ohne sie, sei ich nicht wie ich. Fand sie. Doch ich fand in den dreien diejenige, die mir immer mehr gefiel. Und die ich deshalb dem Menschen vorstellte, der mich auch schon ohne die bisherige kannte und der mich auch kannte, wenn die neue, wieder eine alte sein wird. Hoffentlich. Der Mensch, mit dem ich alles teile. Mein Leben.

Und dieser Mensch fand, dass die neue ungewohnt sei. Mich ruhiger, sanfter, vielleicht sogar etwas schlauer erscheinen ließe. „Schlauer kann sie nicht, aber wenn es so wirkt“, dachte ich mir. Und dann nahm ich sie mit. Jetzt gehört sie zu mir. Wie lange, weiß ich nicht. Das wissen wir nie. Wir wissen nie, wie lange ein gemeinsamer Weg gehen wird. Wie klar wir gemeinsame in die Zukunft sehen werden.

Aber eines weiß ich: Auch meiner Frau gefällt sie. Meine neue Brille.

P.S. Meine Frau und ich sind nun seit fast 34 Jahren zusammen. Wir haben in unserem gemeinsamen Leben viele Brillen kommen und gehen sehen. Was blieb, sind wir. Weil wir wissen, dass eine neue Brille uns einen anderen Ausdruck verleihen kann. Aber dass viel wichtiger ist, wie wir sind. Für uns da sind. Mit oder ohne Brille.

Gefragt Teil 2

GEFRAGT

Eine kleine Reihe von Fragen, die mir vor einem Jahr in München gestellt wurden. Gerne gebe ich diese Frage weiter. Als Einladung. Zum Nachdenken. Und sich selbst diese Fragen zu stellen. Um die eigenen Antworten zu finden.

Eines deiner Themen ist „Mut“. Was macht mutige Menschen aus?

„Das ist einfach“, denke ich. Ich habe oft darüber gesprochen – in Vorträgen, in Gesprächen. Über Mut. Und was ich darunter verstehe. Zum Beispiel, wie wichtig er bei Entscheidungen ist.

Doch während ich spreche, merke ich: Es ist gar nicht so einfach, das, was mir wirklich wichtig ist, in wenige Worte zu fassen. Weil es überall zu lesen ist und dennoch so komplex ist. Das Thema „Mut“. Denn Mut wird oft als das Gegenteil von Angst beschrieben. Aber das ist es nicht. Ganz im Gegenteil. Für mich. Angst ist keine Schwäche. Angst ist eine Emotion – mit die stärkste, die wir haben. Und Angst ist nicht falsch. Wer keine Angst hat, ist nicht mutig. Sondern übermütig. Finde ich.

Davon erzähle ich. Die eigentliche Frage ist: Wie gehe ich mit meiner Angst um? Wo endet sie – und wo beginnt der Mut? Mut braucht keine Heldenpose.

Mut ist eine Haltung.

Mutige Menschen akzeptieren ihre Angst. Und verwandeln sie – in Respekt. In Richtung. Weil sie wissen, was sie wollen. In diesem Moment. Bei dieser Entscheidung. Im Leben. Mut braucht Kraft. Und diese Kraft entsteht nicht durch Sicherheit, sondern durch Richtung. Wenn ich weiß, was ich will, kann ich die Angst akzeptieren. Und sie verwandeln. In Respekt, der schützt. Denn Angst blockiert. Respekt schützt.

Vielleicht habe ich in München davon erzählt. Vielleicht nicht alles. Nicht so klar. Weil es in mir selbst noch nicht so klar war. Im Kopf.

Aber eines war mir klar. Mut entsteht nicht nur im Kopf. Mut entsteht im Leben. Durch das Leben.

Deep Talk? Ach!

Ich komme nach Hause und schaue in den Briefkasten. Den analogen. Ein Reflex. Aber keine Notwendigkeit. Meist ist er leer. Heute nicht. Heute ist ein Magazin im Briefkasten und großen die Überschriften brüllen mich an. Besonders eine fällt mir auf. Die eine, mit den Worten:

Deep Talk.

Ich lese und ich kenne sie. Die Worte, aber nicht die Bedeutung. Deshalb frage ich das Netz, was das genau bedeutet. Deep Talk. Es klingt für mich nach irgendwas zwischen Influencer, Barfuß-Coaching oder Kakao-Retreat mit Sonnenuntergang und balinesischem Tempelblick. Mag alles gut sein. Ist aber nichts für mich.

Und ich komme mir in dem Moment wie ein alter, weißer Mann vor – der ich ja auch bin -, der die modernen Wörter, das moderne Leben googeln muss. Wobei es gar nicht Google ist. Da nutze ich andere und modernere Möglichkeiten. 

GQ erklärt es mir so: „Unter einem Deep Talk versteht man ein tiefgründiges Gespräch. Das kann in größerer Runde, aber auch nur zu zweit stattfinden. Eine wichtige Voraussetzung ist, dass man sich mit seinen Gesprächspartner:innen wohlfühlt. Nur so kann eine intime Konversation entstehen, in der sich die Beteiligten fallen lassen und ihre tiefsten Gedanken teilen können. Die Themen können dabei ganz unterschiedlich sein. Es kann um Allgemeines wie komplexe Sachverhalte, die Gesellschaft, Übernatürliches oder Philosophisches gehen, man kann aber auch über Charaktereigenschaften, persönliche Wünsche und Ängste oder die Beziehung zueinander sprechen. Ein konkretes Ziel gibt es beim Deep Talk nicht, genauso wenig wie richtig oder falsch. Allerdings hat man nach dem Gespräch oft das schöne Gefühl, dem Gegenüber emotional näher zu sein.“ (Nathalie Meier-Scupin & Angelika Watta, GQ, 14. April 2025, Link ist im Kommentar)

Und ich denke:

„Ach“.

Das kenne ich. Das mache ich. Seit mehr als 19 Jahren führe ich intensive Gespräche mit Unternehmern, Geschäftsführern, Vorständen. Nicht über Tools. Nicht über Mindsets. Sondern über Entscheidungen, die etwas bedeuten. Über Verantwortung, die manchmal schwer wiegt.

Nur nennt es keiner so. Nicht meine Kunden. Nicht ich. Wir reden. Direkt. Offen. Manchmal unbequem. Kein Format. Kein Retreat. Kein Tempel. Nur zwei Menschen. Ein Raum. Und ein Gespräch, das hilft. Das können Sie gerne Deep Talk nennen. Ich nenne es: meinen Beruf. Meine Berufung.

Oder einfach „Das Gespräch“.

Die erste Frage - Gefragt

GEFRAGT

Eine kleine Reihe von Fragen, die mir vor einem Jahr in München gestellt wurden. Gerne gebe ich diese Frage weiter. Als Einladung. Zum Nachdenken. Und sich selbst diese Fragen zu stellen. Um die eigenen Antworten zu finden.

"Angenommen, du könntest mit 4 prominenten Personen Mittagessen. Jeweils zu zweit oder mit allen gemeinsam. Wer säße an deinem Tisch?"

Was für eine Frage, denke ich. Und mir fällt spontan kein Name ein. Sondern nur ein Wort: Gespräche.

Gespräche mit prominenten Menschen, aus meiner Fernsehzeit. Nicht im Fernsehen – sondern während des Fernsehens. Auf Pressekonferenzen und Veranstaltungen. Es ist sehr lange her, doch ich erinnere mich sehr gut. Denn manche Gespräche waren auch gut, interessant, intensiv. Andere – unnötig. Nichtssagend. Leer.

Diese Namen nenne ich nicht. In München. Vor einem Jahr. Ob ich konkrete Namen genannt habe, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, wer auf jeden Fall dabei gewesen wäre:

👉 Wolfgang Niedecken von BAP. Weil ich mich im Februar 2024 auf sein neues Album Zeitreise freute. Weil seine Musik meine Jugend begleitet hat. Mir wichtig waren. Mir teilweise heute noch wichtig sind. Weil seine Texte geblieben sind. Mich erinnern und mahnen. Z.B. Wellenreiter oder Ne Schöne Jrooss.

👉 Hubertus Meyer-Burckhardt. Dessen Buch Diese ganze Scheiße mit der Zeit ich kurz zuvor gelesen hatte. Weil es mich berührt hat. Weil er über Krankheit spricht, ohne Mitleid zu wollen. Weil er Sätze findet, die hängen bleiben. Bei mir.

Aber ich weiß auch heute noch, an wen ich in München gedacht habe. An Menschen, die nicht prominent sind – mit denen ich aber gerne ein gemeinsames Essen - mehr Zeit gehabt hätte:

👉 Meine Frau. Die mich in den schwierigen Wochen zuvor getragen hat. Ertragen hat.

👉 Meine Mutter. Die eine Woche vor München verstorben ist. Im letzten Jahr. An die ich noch viele Fragen gehabt hätte. Nie gestellte Fragen. Nie erhaltene Antworten. Zu spät.

Daran denke ich bei dieser Frage. Vor einem Jahr in München. Und heute.

Gefragt

Ich war in München

Zu einer Veranstaltung meiner Kollegin Monika Scheddin: „Gute Leute Mittagstisch“. Ein Format, in der sich gute und eingeladene Leute treffen – und einen Gast kennenlernen. Ihm Fragen stellen dürfen. Auch ich bin eingeladen. Als der Gast, dem die Fragen gestellt werden.

Und ich habe keine Ahnung, was sie mich fragen werden. Was für mich ungewöhnlich ist – denn in meinen Gesprächen bin meist ich derjenige, der die Fragen stellt. Meine Kunden. Diesmal nicht.

Diesmal lasse ich mich darauf ein, unvorbereitet zu sein. Nicht zu wissen, was kommt. Was werden das für Fragen sein? Berufliche? Persönliche? Was werde ich antworten – auf Fragen, die ich noch gar nicht kenne?

Einige der Menschen, die ich an diesem Tag treffe, kenne ich. Und ich freue mich, sie wiederzusehen. Aber auch ihre Fragen kenne ich nicht.

Dann lerne ich sie kennen. Die weiteren Teilnehmenden. Und ihre Fragen. Und ich merke: Diese Fragen sind anders. Natürlich – wenn Monika Scheddin dabei ist, dann ist es eben anders. Und besser. Keine Checkliste. Kein Gesprächsleitfaden. Spontan, um die Ecke gedacht – und auf den Punkt gebracht.

Ich habe geantwortet. Offen, so gut ich konnte. Und manche Fragen hallen bis heute nach. Vielleicht, weil es keine perfekten Antworten gibt. Vielleicht, weil sie mir erst später einfielen. Vielleicht, weil Antworten sich weiterentwickeln. Mit uns.

Was mich auf den Gedanken brachte, einige dieser Fragen – und meine damaligen und heutigen Antworten – in den nächsten Wochen hier zu teilen. Nicht als fertige Gedanken. Sondern als Einladung. Zum Nachdenken. Und sich selbst diese Fragen zu stellen. Weil sie anders sind. Und, um die eigenen Antworten zu finden.

Diese kleine Reihe nenne ich:

Gefragt.

Etwas Meer

Zwei Tage ans Meer. „Und was machst du da?“ „Nachdenken, denn manche Gedanken, Ideen oder Entscheidungen brauchen Meer. Mehr Zeit, mehr Luft und mehr Weite.“

Und das habe ich gemacht. Nachgedacht und 28 km am Strand gelaufen, was bei heftigem Gegenwind wirklich anstrengend war. Das Laufen. Das Nachdenken nicht. Und Fotos habe ich gemacht. Hier nur ein Foto meiner persönlichen Favoriten. Andere fanden ein anders besser. Ich habe mich für diese entschieden.

Und eine weitere Entscheidung habe ich getroffen. Was mir ab und zu gut tut - Zeit, Luft und Weite zum Nachdenken, Sortieren und zum Entscheiden - ist vielleicht auch für meine Kunden gut. Daher gibt es ab heute ein neues Leistungsangebot:

„Etwas Meer“

Heute nachgedacht. Heute schon auf die Internetseite gebracht. Einfach bei „Leistungen“ schauen und mit ans Meer kommen.

Eins gegen eins

Wir sitzen uns gegenüber. Beim Sparring am Tisch. Was den Unternehmer bei unserem ersten Gespräch überrascht. Mich nicht. Denn „eins gegen eins“ ist mein bevorzugtes Setting, auch wenn sie konfrontativ wirkt. Was für viele ungewohnt, von mir durchaus gewollt ist.

Mein Kunde schaut mich an, holt tief Luft und beginnt zu erzählen. Und ich höre zu. Sehr lange, denn er erzählt sehr lange von sich, von seinem Thema, von seinem Beruf. Der für ihn mehr als ein Job, viel mehr eine Berufung ist. Denn als Unternehmer stabilisiert er nicht nur seine Kunden, sondern auch sein Team. Was ihm wichtig ist. Immer dann, wenn es richtig schwer wird. Und das ist derzeit fast täglich der Fall. So erzählt er von den Herausforderungen, dem Druck und den täglichen Kämpfen. Von Tagen ohne Nächte und Nächten ohne Schlaf. Und ich spüre, was ihm fehlt. Genau das, was er anderen gibt: Stabilität.

Ich lasse ihn reden, höre weiter zu. Nehme nur wahr, bis er mich fragt, was ich von dem Gehörten halte. Dann gehe ich aus der Deckung. Dann schlage ich zu und gebe mein ehrliches Feedback. „Stabilität ist Ihnen wichtig und Sie sorgen dafür. Bei Ihrem Team, bei Ihren Kunden. Und bei sich selbst?“ Die Frage sitzt, er wirkt angeschlagen, lehnt sich zurück und holt tief Luft. „Das tut weh“, sagt er zu mir. Worüber wir dann sprechen, gehört nicht hierher. Es bleibt, um im Bild zu bleiben, im Ring. Weil es zu persönlich ist und - wie so oft - mit der Kindheit zu tun hat.

Business-Sparring ist oft wie Sparring im Ring, wo es für mich wichtig ist, mich auf mein Gegenüber einzustellen, seine Bewegungen zu erkennen, an seinen Gedanken und Worten teilzuhaben und manchmal jemanden aus der Reserve zu locken. Um die Stärken, aber auch die Schwächen zu erkennen. Nicht, um mein Gegenüber zu verletzen. Sondern, um ihn zu stärken. Denn nur wer weiß, wo er verwundbar ist, kann sich schützen und sich dann auf seine Stärken konzentrieren, sicher entscheiden und souverän handeln.

Klar, ehrliches Feedback kann dann auch mal wehtun. Aber keine Angst, bei mir landen Sie nicht wie beim Boxen auf den Brettern. Denn ein Gespräch - auch im „eins gegen eins“ - sollte Sie niemals niederschlagen, sondern bestärken.

Bahnhofsromantik

Wenn es passt

Für mich gibt es viele Gründe, auch für die weiteren Fahrten zu meinen Kunden, das Auto statt die Bahn zu nutzen. Unter anderem, da mein Wohnort seit vielen Jahren nicht mehr an das Bahnnetz angebunden ist. Was eine Anreise mit dem Auto zum nächsten Bahnhof bedingt. Und wenn ich schon einmal im Auto sitze?

Auch die Zuverlässigkeit der Bahn lässt mich auf das - oder besser in das Auto setzen. Vor allem ist mir aber die Unabhängigkeit von Fahrplänen sehr wichtig, denn in einem Gespräch schaue ich zu meinem Gesprächspartner und nicht auf die Uhr, um zu sehen, ob das mit der Bahn noch passt. Oder die Bahn für einen Anschlusstermin an einem anderen Ort passt.

Doch diesmal hat es gepasst. Mit der Bahn. "Ein ICE ohne umsteigen. Das Risiko gehe ich ein", dachte ich mir. Und es hat sich gelohnt. Das Risiko einzugehen. Den Abend zuvor anreisen, was die Stunde Verspätung nicht so dramatisch erscheinen ließ. Und eine Stunde im Stau stehen, ist momentan auf der Autobahn auch nicht ungewöhnlich. Eher normal.

Ungewöhnlich ist, dass die Bahn sich heute mit einem Gutschein für die Verspätung entschuldigt hat. Hatte ich bisher noch nicht. Was ich hatte, war genug Zeit nach hinten für das Gespräch einzuplanen, denn meine Gespräche können nicht nur etwas, sie dürfen auch gerne etwas länger dauern. Und auch das hat gepasst. Das Gespräch und die Zeit.

Und die Möglichkeit, auf der Rückfahrt zu schreiben, statt zu telefonieren. Ein Buch, statt die Straßenschilder zu lesen und die romantischen Bahnhöfe zu genießen. Okay, einige Fahrgäste wollen im Zug telefonieren. Nicht schreiben. Was stört. - Warum muss die Spanisch sprechen Frau, die offensichtlich bis nach Spanien auch ohne Telefon sprechen will, gerade hinter mir sitzen? - Was mich die Lautstärke der Musik in den Kopfhörer höher drehen lässt. Und was mich mitsingen lässt. Was im Auto niemanden - im Zug jeden stört. Wenn Blicke.... BAP scheint in diesem Zugabteil nicht wirklich gemocht zu werden. Dabei fahren wir doch nach Köln. Unangenehm.

Singen werde ich nicht mehr. Auch will ich den Tag nicht vor dem Abend - die Fahrt nicht vor der Ankunft loben. Was ich jedoch aufgrund der (bisherigen) Erfahrungen will, ist häufiger alte Gewohnheiten und scheinbare Hinderungsgründe infrage stellen, weil es sich lohnt. Manchmal. Das nächste Gespräch ist vereinbart. Die Frau spricht - nach einem freundlichen Hinweis - leiser und diese Strecke werde ich zukünftig mit der Bahn fahren. Wenn es passt.

Reden hilft

Letztes Jahr war mir klar: Ich wollte eine neue Internetseite. „Wenn schon anderes, dann klarer.“ Die alte Seite war in die Jahre gekommen und es war Zeit für etwas, das klarer ist, ohne zu wissen, was klarer ist.

Und so begann die Arbeit – oder besser gesagt: die Gespräche. Denn diese Seite entstand nicht am Schreibtisch, sondern während unzähliger Telefonate mit meinem Webdesigner. Gespräche, in denen wir uns Ideen zuwarfen und diese dann direkt umsetzten. So konnte ich sofort sehen, was passte und was nicht.

Was mir zunächst gar nicht passte, war vor allem die Idee, mit großen Überschriften zu arbeiten. Mit sehr großen Überschriften. Bis ich feststellte, dass sie doch passten. Zu der Seite und zu den Themen meiner Kunden, denn es waren auch ihre Worte.

Doch als es darum ging, die Headline der Seite zu finden, wurde es plötzlich schwierig.

Ich grübelte tagelang über mögliche Überschriften nach. Versuchte es wieder einmal allein. Notierte Wörter, formulierte Sätze, suchte nach etwas, das den Kern meiner Arbeit, was mich wiedergibt. Nichts passte. Zu flach, zu austauschbar, zu wenig „ich“. Ich ärgerte mich - über mich.

Dabei war doch klar, was ich brauchte. Ein Gespräch. So warfen wir uns wieder die Gedanken zu, lachten, schwiegen und dann hörte ich den Webdesigner auf seiner Tatstatur tippen. „Ich glaube, ich hab da was. Aktualisieren Sie die Seite.“

Und da stand es: „Reden hilft.“

Ich musste laut lachen. „Reden hilft“ – das war perfekt. Es passte zu mir, zu meiner Arbeit und zur Idee der Seite. Vor allem erinnerte mich der Claim sofort an meine Fernsehsendung „Hagen hilft“. 

„Warum lachen Sie?“, fragte mein Webdesigner irritiert. „Hallo? Von ‚Hagen hilft‘ zu ‚Reden hilft‘ – wie passend ist das denn!“ „Hm“, sagte er nur. „Schadet ja nicht.“ So hatten wir die Headline der Website gefunden. Einfach, klar und genau auf den Punkt.

Erst später wurde mir klar, dass „Reden hilft“ mehr ist als eine gute Headline. Es beschreibt, was ich tue, wie ich arbeite und was mir wichtig ist: Miteinander reden, nachfragen, zuhören. Das Gespräch war immer der Kern meiner Arbeit.

Selbst in der Fernsehserie ‚Hagen hilft!‘ haben wir uns viel Zeit für die Gespräche genommen. Nur so konnte ich die Menschen und deren Probleme kennenlernen. Nur so konnten wir Lösungen finden. Im Gespräch. Oft sprach ich am ersten Drehtag mit den Protagonisten zwei Stunden, von denen dann nur wenige Minuten gezeigt werden konnten. Letzteres war nicht wichtig. Das Gespräch war wichtig, weil daraus alles Weitere entstand.

Daher war nichts passender als diese Headline für meine neue Internetseite. Und es war bei der Entwicklung meines Business-Kalenders auch klar: Dieses Jahr beginnt mit diesem Satz.

Zu Beginnen dieses Jahres wünsche ich Ihnen, dass Sie vor allem in den Momenten und Situationen, in denen Sie das Gefühl haben festzustecken, sich im Kreis zu drehen, den Mut haben, mit jemanden darüber sprechen. Natürlich können Sie auch versuchen, alles mit sich selbst ausmachen. Aber glauben Sie mir, es geht auch anders. Oft reicht ein gutes Gespräch, um neue Perspektiven zu finden und Dinge – vielleicht auch sich selbst - in Bewegung zu setzen.

Wenn Sie wollen, lassen Sie uns reden. Über Ihre Ideen, Herausforderungen und Fragen. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung – und dank meiner Website – wie wichtig ein Gespräch sein kann.