Er ist 85 Jahre und das Wort „alt“ will mir gerade nicht in den Sinn kommen. Dafür ist er zu jung. Geistig. Vor allem wenn er erzählt. Von sich und seiner Praxis in der er immer noch praktiziert. Jeden Tag, als praktischer Arzt.
Er erzählt von seinem Niederösterreich, von Bewegung, Ernährung – und vom Genuss. Vom Wein. Und von seiner Frau, die bei ihm ist und wiederum von seiner Mutter erzählt, deren gute Gene er geerbt hat. „Aber die besten Gene nützen nichts, wenn wir sie nicht pflegen“, sagt er mit einem Blick, der einen nicht mehr loslässt. Ein Satz, der mir in Erinnerung bleibt.
Aber nicht nur dieser. Viele solcher Sätze werden noch folgen. Sätze voller Lebensfreude und Lebenserfahrung, die mein Vater und ich noch hören werden. In diesem kurzen Gespräch. Bei dieser kurzen Begegnung auf dem Schiff. Auf dem mein Vater sich mit 86 Jahren einen Traum erfüllt. Einmal eine Kreuzfahrt machen. Bei der ich ihn begleiten darf.
Und neue Menschen kennenlernen und mit ihnen sprechen darf. Was mir Spaß macht. Vor allem, wenn ein Mensch so begeistert und offen für meine Fragen ist. Zum Beispiel nach seiner Kraft. Woher er diese für seine Aufgabe nimmt. „Seine Leidenschaft. Er war schon Arzt, als er noch kein Arzt war, als ich ihn kennenlernte“, sagt seine Frau und lacht. Noch mehr lacht sie, als ich sie frage, ob auch sie noch jeden Tag in der Praxis ist: „Natürlich. Ohne mich wäre mein Mann sicher ein hervorragender, aber ein bettelarmer Arzt."
Dann spricht der Arzt mit glänzenden Augen von einer Frau, die vor kurzem mit einer schweren Diagnose in seine Praxis kam. Sie erzählte ihm, dass er sie vor 65 Jahren, damals in seiner Zeit als Assistenzarzt in der Gynäkologie einer Klinik, auf die Welt geholt habe und dass sie sich nun wünsche, dass er sie auch bei ihrem bevorstehenden Abschied von dieser Welt begleite. Mich schaudert es, aber er sagt: „Stellen Sie sich das vor. Ich darf Menschen mit dem, was ich so gerne tue, ihr ganzes Leben begleiten." Ich frage ihn, ob ihn das nicht schmerzt. „Schon, aber es ist das Leben. Es ist mein Leben. Und ich will es noch so lange wie möglich leben.“
„Und schauen sie. Irgendwann ist jedes Leben vorbei. Auch das Ihres Vaters. Auch meines. Auch Ihres. Aber ist es dann nicht schön zu wissen, dass wir jeden Tag etwas tun durften, das uns Spaß gemacht hat? Und das Sinn gemacht hat? Stellen Sie sich vor, Sie müssten jeden Tag etwas machen, das Sie langweilt, und sich zur Arbeit zwingen. Jeden Tag! Das wäre doch die Hölle auf Erden. Ich hatte Freunde, die die Jahre und Tage bis zu ihrer Pensionierung zählten. Das ist doch Wahnsinn. Der Tod auf Raten. Nicht mit mir“. Sagte er mit voller Überzeugung und Kraft.
Ich lache und will noch mehr von ihm erfahren. Von seinem Leben. Von ihm. Doch der Arzt sagt: „Seins mir net grantelig, ich gehe jetzt auf die Kabine, meine guten Gene pflegen. Schlafen. Haben´s a gut Nacht und passen´s auf sich auf.“
Was mein Vater auch macht, denn auch er geht dann ins Bett. Ich nicht. Ich gehe wieder auf Deck, finde einen ruhigen Platz, trinke mir noch ein Glas Wein und denke an den Arzt. An seine Begeisterung und an seine Leidenschaft für seinen Beruf. Seine Berufung.
Die restliche Reisewoche denke ich noch oft an das Gespräch. An das Ehepaar, das wir leider nicht mehr trafen. Doch mir war klar, dass ich nicht „grantelig“, sondern dankbar bin. Dankbar für das Gespräch und die Erkenntnis, dass der beste Beruf nichts nützt, wenn er keinen Sinn mehr gibt. Wenn wir ihn nicht pflegen. Den Sinn. Den Beruf. Das Leben.