Stefan Hagen
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Die Kugel

Die Kugel

16. Juni 2026

Nur eine Übung. Im Rahmen eines Fotoworkshops, in dem ich den Umgang mit meiner kleinen Kamera verbessern wollte. „Raus aus dem Automatikmodus!" Das war mein Wunsch. Das war das Versprechen.

Ein Tag, an dem ich viel erfuhr. Über die Kamera, die Technik und die Bildgestaltung. Über die Vollautomatik, bei der die Kamera mir alles abnimmt. Weil sie die Blende, die Zeit und das Bild selbst bestimmt. Mein Bild bestimmt.

Was reizvoll sein kann. Vor allem, wenn es schnell gehen soll und die Erfahrung ohne die Automatik fehlt. Was aber nicht der Anspruch sein kann. An mich. An mein Bild. Daher war der erste Schritt die Halbautomatik. Entweder Zeit oder Licht. Um eines von beiden kümmere ich mich nicht. Weil es die Kamera macht. Was hilfreich ist und das Bild schon mehr zu meinem macht. Aber immer noch nicht meines ist.

Das denke ich mir, während ich dem Coach zuhöre und nachfrage. Theorie. Sehr gut erklärt. Die Schärfentiefe, die mir noch nicht gelingt. Doch Lernen gelingt nur durch Erleben. Was wir dann machen. Üben. Mit den Kugeln, die auf einem kleinen Billardtisch liegen. Mit der Kugel, auf der der Fokus liegt. Die Aufgabenstellung ist klar. ISO und Blende werden vorgegeben. Mal niedrig, mal hoch, um den Unterschied in der Schärfentiefe zu sehen. Was schnell gelingt. Die Kugel ist scharf, der Hintergrund unscharf. Genug Tiefe. Die richtige Blende. So soll es sein. In der Aufgabenstellung.

Doch es gefällt mir nicht. So, wie es sein soll. Wie es andere haben wollen. Und ich lasse es sein, gehe zur nächsten Aufgabe. Stelle ein, was gewünscht ist. Mache wieder ein Bild. Wie es gewünscht ist. Und gehe zurück zu der Kugel. Sie lässt mich nicht los. Ich knie mich hin, verändere die Perspektive. Nicht der Tisch, nur die Kugel interessiert mich. Die anderen Kugeln nicht. Ich gehe noch näher an sie heran, wähle eine andere Blende und erkenne die Tiefe. Ich sehe das Bild, wie es sein soll. So, wie ich es haben will. So, wie ich es gestalten werde. Am Abend, wenn ich mir die Zeit dafür nehme. Die Farbe raus, den Hintergrund heller und die Kugel fast zentriert.

Erschöpft fahre ich nach Hause. Ein Tag voller Technik, Blende, Schärfentiefe. Richtig und wichtig. Ein Tag, der mir nicht nur etwas über das Fotografieren beigebracht hat. Der mir eine Frage gestellt hat. Wann haben wir zum letzten Mal die Vollautomatik ausgeschaltet und uns die Zeit genommen, etwas zu unserem Eigenen zu machen? Das Unternehmen. Das Leben.

Deep Talk? Ach!

Deep Talk? Ach!

11. Juni 2025

Ich komme nach Hause und schaue in den Briefkasten. Den analogen. Ein Reflex. Aber keine Notwendigkeit. Meist ist er leer. Heute nicht. Heute ist ein Magazin im Briefkasten und großen die Überschriften brüllen mich an. Besonders eine fällt mir auf. Die eine, mit den Worten:

Deep Talk.

Ich lese und ich kenne sie. Die Worte, aber nicht die Bedeutung. Deshalb frage ich das Netz, was das genau bedeutet. Deep Talk. Es klingt für mich nach irgendwas zwischen Influencer, Barfuß-Coaching oder Kakao-Retreat mit Sonnenuntergang und balinesischem Tempelblick. Mag alles gut sein. Ist aber nichts für mich.

Und ich komme mir in dem Moment wie ein alter, weißer Mann vor – der ich ja auch bin -, der die modernen Wörter, das moderne Leben googeln muss. Wobei es gar nicht Google ist. Da nutze ich andere und modernere Möglichkeiten. 

GQ erklärt es mir so: „Unter einem Deep Talk versteht man ein tiefgründiges Gespräch. Das kann in größerer Runde, aber auch nur zu zweit stattfinden. Eine wichtige Voraussetzung ist, dass man sich mit seinen Gesprächspartner:innen wohlfühlt. Nur so kann eine intime Konversation entstehen, in der sich die Beteiligten fallen lassen und ihre tiefsten Gedanken teilen können. Die Themen können dabei ganz unterschiedlich sein. Es kann um Allgemeines wie komplexe Sachverhalte, die Gesellschaft, Übernatürliches oder Philosophisches gehen, man kann aber auch über Charaktereigenschaften, persönliche Wünsche und Ängste oder die Beziehung zueinander sprechen. Ein konkretes Ziel gibt es beim Deep Talk nicht, genauso wenig wie richtig oder falsch. Allerdings hat man nach dem Gespräch oft das schöne Gefühl, dem Gegenüber emotional näher zu sein.“ (Nathalie Meier-Scupin & Angelika Watta, GQ, 14. April 2025, Link ist im Kommentar)

Und ich denke:

„Ach“.

Das kenne ich. Das mache ich. Seit mehr als 19 Jahren führe ich intensive Gespräche mit Unternehmern, Geschäftsführern, Vorständen. Nicht über Tools. Nicht über Mindsets. Sondern über Entscheidungen, die etwas bedeuten. Über Verantwortung, die manchmal schwer wiegt.

Nur nennt es keiner so. Nicht meine Kunden. Nicht ich. Wir reden. Direkt. Offen. Manchmal unbequem. Kein Format. Kein Retreat. Kein Tempel. Nur zwei Menschen. Ein Raum. Und ein Gespräch, das hilft. Das können Sie gerne Deep Talk nennen. Ich nenne es: meinen Beruf. Meine Berufung.

Oder einfach „Das Gespräch“.

Kurz, aber wichtig.

Kurz, aber wichtig.

21. Mai 2026

Es gibt diese Tage, die jeder kennt. Auch ich.

Diese regnerischen Tage, an denen Tropfen nicht nur die Fenster hinunterlaufen. An denen nicht nur der Himmel grau ist und sich nicht nur der Wind gegen einen richtet. Diese Tage, an denen scheinbar nichts funktioniert. Schon gar nicht die eigene Zuversicht.

So ein Tag ist heute. Ohne Grund und schon gar nicht auf eine Einladung. Dennoch ist er da und am liebsten würde ich mir eine Decke über den Kopf ziehen und einfach nur dasitzen. Denke ich mir.

Stattdessen nehme ich, um mich abzulenken, das Handy in die Hand, was dümmer nicht sein kann und auch direkt bestraft wird. Denn das Erste, was ich sehe, sind Nachrichten von Kollegen. Im Netz. Berichte über Erfolge, Konferenzen, großen Ereignissen, glorreichen Taten und neuen Coaching-Kommunikations-Lebensmodellen, die die Welt ihrer Kunden positiv veränderten. Und ihre eigene gleich mit. Meine nicht. Was ich oft bezweifelnd zur Kenntnis nehme, lässt mich an diesen Tagen selbst zweifeln. Lässt mich vieles in Frage stellen. Nicht die Nachrichten im Netz. Meinen Beruf. Mich.

Ich schalte ab. Lege das Handy weg. Nicht das Grübeln. Das begleitet mich an diesem Tag. Bis zu dem Moment der eingehenden E-Mail eines langjährigen Kunden, der um ein dringendes Gespräch bittet. „Kurz, aber wichtig", schreibt er, und ich frage mich, ob das der richtige Tag für ein Gespräch ist. Was er war. Der Tag und das Gespräch, das kurz, aber wichtig war. Für ihn.

Wir telefonieren. Er erzählt, was ihn beschäftigt. Eine Entscheidung, die er heute noch zu treffen hat. Sie schon getroffen, sie nur noch nicht ausgesprochen hat. Für sich. Das spüre ich und höre zu. Wir denken nach. Er spricht sie aus. Dann bedankt er sich. Nicht für einen Rat. Für das Gespräch.

Und ich bedanke mich für das, was nicht im Netz steht. Dass es Modelle und Systeme gibt, die auch ich nutze, aber nur selten brauche. Weil es die Menschen gibt, die in Momenten etwas anderes brauchen. Wie dieser Mensch. An diesem Tag. Ein Gespräch. Meistens länger. Diesmal kurz, aber wichtig. Auch für mich.

P.S. Plötzlich kommt die Sonne raus. „Endlich“, denke ich und finde in meinen Fotos ein Bild aus Köln. Der „Mann auf dem Balkon" am Brüsseler Platz. Eine Installation des Streetart-Künstlers Mark Jenkins, mit einer ins Gesicht gezogenen Kapuze. Einfach dasitzend. Passend.

Die erste Frage - Gefragt

Die erste Frage - Gefragt

10. Juni 2025

GEFRAGT

Eine kleine Reihe von Fragen, die mir vor einem Jahr in München gestellt wurden. Gerne gebe ich diese Frage weiter. Als Einladung. Zum Nachdenken. Und sich selbst diese Fragen zu stellen. Um die eigenen Antworten zu finden.

"Angenommen, du könntest mit 4 prominenten Personen Mittagessen. Jeweils zu zweit oder mit allen gemeinsam. Wer säße an deinem Tisch?"

Was für eine Frage, denke ich. Und mir fällt spontan kein Name ein. Sondern nur ein Wort: Gespräche.

Gespräche mit prominenten Menschen, aus meiner Fernsehzeit. Nicht im Fernsehen – sondern während des Fernsehens. Auf Pressekonferenzen und Veranstaltungen. Es ist sehr lange her, doch ich erinnere mich sehr gut. Denn manche Gespräche waren auch gut, interessant, intensiv. Andere – unnötig. Nichtssagend. Leer.

Diese Namen nenne ich nicht. In München. Vor einem Jahr. Ob ich konkrete Namen genannt habe, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, wer auf jeden Fall dabei gewesen wäre:

👉 Wolfgang Niedecken von BAP. Weil ich mich im Februar 2024 auf sein neues Album Zeitreise freute. Weil seine Musik meine Jugend begleitet hat. Mir wichtig waren. Mir teilweise heute noch wichtig sind. Weil seine Texte geblieben sind. Mich erinnern und mahnen. Z.B. Wellenreiter oder Ne Schöne Jrooss.

👉 Hubertus Meyer-Burckhardt. Dessen Buch Diese ganze Scheiße mit der Zeit ich kurz zuvor gelesen hatte. Weil es mich berührt hat. Weil er über Krankheit spricht, ohne Mitleid zu wollen. Weil er Sätze findet, die hängen bleiben. Bei mir.

Aber ich weiß auch heute noch, an wen ich in München gedacht habe. An Menschen, die nicht prominent sind – mit denen ich aber gerne ein gemeinsames Essen - mehr Zeit gehabt hätte:

👉 Meine Frau. Die mich in den schwierigen Wochen zuvor getragen hat. Ertragen hat.

👉 Meine Mutter. Die eine Woche vor München verstorben ist. Im letzten Jahr. An die ich noch viele Fragen gehabt hätte. Nie gestellte Fragen. Nie erhaltene Antworten. Zu spät.

Daran denke ich bei dieser Frage. Vor einem Jahr in München. Und heute.

Nach dem Schauer

Nach dem Schauer

16. Mai 2026

Es ist kalt und nass. An diesem Tag. An dem wir uns mit Freunden treffen. Seit Jahren. Seit Jahrzehnten. Aber noch nie bei so einem Wetter. Was den Tag anders macht. Nicht nur das Wetter.

Nach vollen Tagen voller Gespräche und Kilometer bin ich noch nicht angekommen. Aber hier. Mit Freunden. Für mich. Und mit meiner kleinen Kamera, die mich seit kurzem begleitet, um besondere Momente festzuhalten.

Um genau diesen Moment festzuhalten, als nach einem Schauer plötzlich die Sonne durch die Bäume scheint und ein besonderes Licht auf die Lichtung wirft. Die Musik dröhnt, ich höre Lachen und sehe das kleine Boot am Ufer. Im Licht.

Ich nehme mich raus, meine Kamera aus der Jackentasche und lasse die Automatik einen Vorschlag machen, der mir nicht gefällt. Zu schnell. Zu sehr nebenbei. Der Moment braucht mehr Ruhe, mehr Aufmerksamkeit und eine andere Blende. Was ich ihm gebe. Was ich mir nehme. Was mich ankommen lässt.

In diesem Moment. Der den Tag nicht anders, aber besonders macht. Ich packe die Kamera in die Jackentasche, drehe mich um und gehe zurück. Lachen. Feiern. Reden. Und plötzlich wieder im Regen.

Gefragt

Gefragt

05. Juni 2025

Ich war in München

Zu einer Veranstaltung meiner Kollegin Monika Scheddin: „Gute Leute Mittagstisch“. Ein Format, in der sich gute und eingeladene Leute treffen – und einen Gast kennenlernen. Ihm Fragen stellen dürfen. Auch ich bin eingeladen. Als der Gast, dem die Fragen gestellt werden.

Und ich habe keine Ahnung, was sie mich fragen werden. Was für mich ungewöhnlich ist – denn in meinen Gesprächen bin meist ich derjenige, der die Fragen stellt. Meine Kunden. Diesmal nicht.

Diesmal lasse ich mich darauf ein, unvorbereitet zu sein. Nicht zu wissen, was kommt. Was werden das für Fragen sein? Berufliche? Persönliche? Was werde ich antworten – auf Fragen, die ich noch gar nicht kenne?

Einige der Menschen, die ich an diesem Tag treffe, kenne ich. Und ich freue mich, sie wiederzusehen. Aber auch ihre Fragen kenne ich nicht.

Dann lerne ich sie kennen. Die weiteren Teilnehmenden. Und ihre Fragen. Und ich merke: Diese Fragen sind anders. Natürlich – wenn Monika Scheddin dabei ist, dann ist es eben anders. Und besser. Keine Checkliste. Kein Gesprächsleitfaden. Spontan, um die Ecke gedacht – und auf den Punkt gebracht.

Ich habe geantwortet. Offen, so gut ich konnte. Und manche Fragen hallen bis heute nach. Vielleicht, weil es keine perfekten Antworten gibt. Vielleicht, weil sie mir erst später einfielen. Vielleicht, weil Antworten sich weiterentwickeln. Mit uns.

Was mich auf den Gedanken brachte, einige dieser Fragen – und meine damaligen und heutigen Antworten – in den nächsten Wochen hier zu teilen. Nicht als fertige Gedanken. Sondern als Einladung. Zum Nachdenken. Und sich selbst diese Fragen zu stellen. Weil sie anders sind. Und, um die eigenen Antworten zu finden.

Diese kleine Reihe nenne ich:

Gefragt.

Die Stunde des Wolfes

Die Stunde des Wolfes

06. Mai 2026

Drei Uhr nachts. Ich bin wach und ich muss lachen. Über mich, weil ich es immer wieder schaffe, pünktlich aufzuwachen. Pünktlichkeit ist mir wichtig. Offensichtlich selbst um drei Uhr nachts. Immer mal wieder. In der Stunde des Wolfes.

Ich stehe auf, gehe ans Fenster. Im Hotel. In dem Gebäude gegenüber brennt Licht. Im Büro. Um drei Uhr nachts. Übertriebener Fleiß, zu hoher Druck oder nur vergessen? In dem Moment erinnere ich mich an eine Nachricht, die ich zwar morgens gelesen, die aber nachts um drei Uhr geschrieben wurde. Bestimmt nicht aus diesem Büro. Aber von einem Unternehmer, der nicht schlafen konnte, weil er etwas ändern wollte. In seinem Leben. Und ich ihm dabei helfen sollte. In seinem Unternehmen.

Deshalb bin ich hier. Im Hotel. Für das Gespräch. Um von dem Unternehmer zu hören, was er ändern will, damit er ruhiger schlafen kann. Was er vielleicht schon kann, wenn er darüber spricht und erkennt, dass das Aufwachen in dieser Zeit biologisch natürlich ist. Das Schreiben einer Nachricht ist es nicht. In der Stunde des Wolfes.

Ich stehe am Fenster und denke mir, wie spannend es ist, einen Menschen kennenzulernen. Einen Tag mit ihm zu sprechen. Ihm zuzuhören. Zu erfahren, was ihn immer wieder wach werden lässt. Und das genau das mich wach werden lässt. Aufstehen lässt. Zufrieden sein lässt. Immer noch.

Ein kurzer Blick auf die Uhr. Das Licht gegenüber ist aus. Meines auch. Und ich schlafe ein. Immer wieder.

P.S. Das Bild eines klassischen Bürohauses entstand in Hamburg. Nicht das, in dem das Licht brannte. Aber symbolisch für dieses. Hoch, viel Glas und anonym. Zweckmäßig. Außen nüchtern, innen belebt. Tagsüber. Hoffe ich.

Etwas Meer

Etwas Meer

20. März 2025

Zwei Tage ans Meer. „Und was machst du da?“ „Nachdenken, denn manche Gedanken, Ideen oder Entscheidungen brauchen Meer. Mehr Zeit, mehr Luft und mehr Weite.“

Und das habe ich gemacht. Nachgedacht und 28 km am Strand gelaufen, was bei heftigem Gegenwind wirklich anstrengend war. Das Laufen. Das Nachdenken nicht. Und Fotos habe ich gemacht. Hier nur ein Foto meiner persönlichen Favoriten. Andere fanden ein anders besser. Ich habe mich für diese entschieden.

Und eine weitere Entscheidung habe ich getroffen. Was mir ab und zu gut tut - Zeit, Luft und Weite zum Nachdenken, Sortieren und zum Entscheiden - ist vielleicht auch für meine Kunden gut. Daher gibt es ab heute ein neues Leistungsangebot:

„Etwas Meer“

Heute nachgedacht. Heute schon auf die Internetseite gebracht. Einfach bei „Leistungen“ schauen und mit ans Meer kommen.

An der Tankstelle

An der Tankstelle

30. April 2026

Neulich an der Tankstelle.

Nochmal kurz tanken. Luxus. Auf dem Weg zum Kunden.

An der Kasse stehe ich an. Vier Jungs, vielleicht fünfte Klasse, höchstens sechst, gehen shoppen. Süßigkeiten. Auf dem Weg zur Schule.

Etwas davon. Ein bisschen hiervon. Drei von denen. Vier von dem. Getränke? Klar. Der Berg wird immer größer und die Schlange hinter mir immer länger. Ich drehe mich um und sehe in lächelnde Gesichter. Keine Ungeduld. Nur Verständnis. Denn jeder, der hier gerade ansteht, denkt an seine Jugend. An den Kiosk. Das Büdchen. An die Süßigkeiten, die wir uns von unserem Taschengeld gekauft haben. Teils erlaubt, meist heimlich. Jeder sieht sich in diesem Moment an der Kasse stehen. Auch ich.

Die Frau hinter mir lacht und sagt: „Ihr lasst es euch aber gut gehen." Der Kleinste von den vieren dreht sich um, haut dabei einen 50 Euro-Schein auf den Tresen, der Kassierer gibt einen Zehner zurück, und der Junge sagt: „Man muss sich auch mal etwas gönnen."

Gesagt, alles in den Rucksack gepackt. Mit der Bemerkung untereinander - „Gestern war es noch mehr" – verlassen die vier die Tankstelle. 

Ich zahle, steige ins Auto und fahre weiter. Sehe mich als Kind an dem Kiosk in unserer Straße stehen. Für 50 Pfennig eine kleine Tüte Süßigkeiten kaufen. Dann mit Freunden auf der Straße spielen. „Wir hatten eine gute Zeit", schrieb mir vor Kurzem ein Freund aus der Kindheit. Er hat recht. Wir hatten eine gute Zeit.

Die wünsche ich den Jungs. Eine gute Zeit und die Möglichkeit, sich immer mal wieder etwas zu gönnen. Jetzt die Süßigkeiten. Später das Tanken. Luxus.

P.S. Dieses Foto entstand während eines Urlaubs. Es ist nicht nur bildlich ein Genuss. Für mich. Oliven und Brot haben die Süßigkeiten mittlerweile verdrängt. Es ist auch eines der Bilder, die im Herbst in meinem Bildband „Beyond Words" im Verlag edition:behmann erscheinen werden.

Eins gegen eins

Eins gegen eins

18. Februar 2025

Wir sitzen uns gegenüber. Beim Sparring am Tisch. Was den Unternehmer bei unserem ersten Gespräch überrascht. Mich nicht. Denn „eins gegen eins“ ist mein bevorzugtes Setting, auch wenn sie konfrontativ wirkt. Was für viele ungewohnt, von mir durchaus gewollt ist.

Mein Kunde schaut mich an, holt tief Luft und beginnt zu erzählen. Und ich höre zu. Sehr lange, denn er erzählt sehr lange von sich, von seinem Thema, von seinem Beruf. Der für ihn mehr als ein Job, viel mehr eine Berufung ist. Denn als Unternehmer stabilisiert er nicht nur seine Kunden, sondern auch sein Team. Was ihm wichtig ist. Immer dann, wenn es richtig schwer wird. Und das ist derzeit fast täglich der Fall. So erzählt er von den Herausforderungen, dem Druck und den täglichen Kämpfen. Von Tagen ohne Nächte und Nächten ohne Schlaf. Und ich spüre, was ihm fehlt. Genau das, was er anderen gibt: Stabilität.

Ich lasse ihn reden, höre weiter zu. Nehme nur wahr, bis er mich fragt, was ich von dem Gehörten halte. Dann gehe ich aus der Deckung. Dann schlage ich zu und gebe mein ehrliches Feedback. „Stabilität ist Ihnen wichtig und Sie sorgen dafür. Bei Ihrem Team, bei Ihren Kunden. Und bei sich selbst?“ Die Frage sitzt, er wirkt angeschlagen, lehnt sich zurück und holt tief Luft. „Das tut weh“, sagt er zu mir. Worüber wir dann sprechen, gehört nicht hierher. Es bleibt, um im Bild zu bleiben, im Ring. Weil es zu persönlich ist und - wie so oft - mit der Kindheit zu tun hat.

Business-Sparring ist oft wie Sparring im Ring, wo es für mich wichtig ist, mich auf mein Gegenüber einzustellen, seine Bewegungen zu erkennen, an seinen Gedanken und Worten teilzuhaben und manchmal jemanden aus der Reserve zu locken. Um die Stärken, aber auch die Schwächen zu erkennen. Nicht, um mein Gegenüber zu verletzen. Sondern, um ihn zu stärken. Denn nur wer weiß, wo er verwundbar ist, kann sich schützen und sich dann auf seine Stärken konzentrieren, sicher entscheiden und souverän handeln.

Klar, ehrliches Feedback kann dann auch mal wehtun. Aber keine Angst, bei mir landen Sie nicht wie beim Boxen auf den Brettern. Denn ein Gespräch - auch im „eins gegen eins“ - sollte Sie niemals niederschlagen, sondern bestärken.

Düsseldorf: Urban Art Walk

Düsseldorf: Urban Art Walk

27. April 2026

Menschen, bei denen ich spüre, dass sie etwas machen, weil es ihnen wichtig ist und sie ihre Leidenschaft deshalb weitergeben möchten, begeistern mich.

So wie Klaus Rosskothen. Inhaber der Galerie Pretty Portal – Galerie für Urban Contemporary Art in Düsseldorf, der uns durch sein Düsseldorf führt. Der von der Entstehung der Streetart in New York erzählt. Von Künstlern, Projekten und Menschen in Düsseldorf. Von der Vision, Kunst aus den Museen an Orte zu tragen, an denen Menschen leben. Straßen, Plätze, Häuser. Kunst, die immer noch als Schmiererei beschimpft wird – was sie teilweise auch ist. Finde ich.

Kunst, die aber auch eine Stadt bunt und erlebbar macht, wenn sie etwas ausdrückt. Die in einer anonymen Stadt einen Fingerabdruck hinterlässt. Oft versteckt. Manchmal hinter Gittern. Wie die Künstler selbst. Wie zum Beispiel Harald Naegeli. Der Sprayer von Zürich, der nicht nur dort, der auch in Düsseldorf und Köln sichtbar ist und der 1984 sechs Monate in der Schweiz im Gefängnis saß und 2020 einen Kunstpreis in Zürich erhielt.

Auch davon erzählt Klaus Rosskothen. Und zeigt sie. Diese Kunst an Straßen, Plätzen und Häusern. Spannend, interessant, lebhaft. Ein anderer Blick auf eine Stadt, die nicht nur Rhein, Altstadt, Schickimicki-Kö und Politik ist. Eine Stadt, die auch anderes ist. Sein kann. Wenn wir anders hinsehen.

Es fällt mir schwer, die gesehene Kunst in Bildern festzuhalten. Nur Ausschnitte gelingen. Eher Eindrücke während des Walks. Alltägliches und scheinbar Nebensächliches. Und dieses Bild, das in der Unterführung an der Ellerstraße entstand. Bewusst unterbelichtet. Damit der Blick aus dem Dunklen ins Licht gelingt. Damit der Kontrast sichtbar wird.

Wie der Kontrast zwischen der Kunst in den Stadtteilen Bilk und Oberbilk und dem Trubel auf dem Carlsmarkt, dem Konsum und dem Protz auf der Kö, die wir anschließend erlebt haben. Ein Tag voller Farbe, Leben und Kontraste. Ein Tag Urban Art Walk in Düsseldorf.

Wenn es passt
Bahnhofsromantik

Wenn es passt

23. Januar 2025

Für mich gibt es viele Gründe, auch für die weiteren Fahrten zu meinen Kunden, das Auto statt die Bahn zu nutzen. Unter anderem, da mein Wohnort seit vielen Jahren nicht mehr an das Bahnnetz angebunden ist. Was eine Anreise mit dem Auto zum nächsten Bahnhof bedingt. Und wenn ich schon einmal im Auto sitze?

Auch die Zuverlässigkeit der Bahn lässt mich auf das - oder besser in das Auto setzen. Vor allem ist mir aber die Unabhängigkeit von Fahrplänen sehr wichtig, denn in einem Gespräch schaue ich zu meinem Gesprächspartner und nicht auf die Uhr, um zu sehen, ob das mit der Bahn noch passt. Oder die Bahn für einen Anschlusstermin an einem anderen Ort passt.

Doch diesmal hat es gepasst. Mit der Bahn. "Ein ICE ohne umsteigen. Das Risiko gehe ich ein", dachte ich mir. Und es hat sich gelohnt. Das Risiko einzugehen. Den Abend zuvor anreisen, was die Stunde Verspätung nicht so dramatisch erscheinen ließ. Und eine Stunde im Stau stehen, ist momentan auf der Autobahn auch nicht ungewöhnlich. Eher normal.

Ungewöhnlich ist, dass die Bahn sich heute mit einem Gutschein für die Verspätung entschuldigt hat. Hatte ich bisher noch nicht. Was ich hatte, war genug Zeit nach hinten für das Gespräch einzuplanen, denn meine Gespräche können nicht nur etwas, sie dürfen auch gerne etwas länger dauern. Und auch das hat gepasst. Das Gespräch und die Zeit.

Und die Möglichkeit, auf der Rückfahrt zu schreiben, statt zu telefonieren. Ein Buch, statt die Straßenschilder zu lesen und die romantischen Bahnhöfe zu genießen. Okay, einige Fahrgäste wollen im Zug telefonieren. Nicht schreiben. Was stört. - Warum muss die Spanisch sprechen Frau, die offensichtlich bis nach Spanien auch ohne Telefon sprechen will, gerade hinter mir sitzen? - Was mich die Lautstärke der Musik in den Kopfhörer höher drehen lässt. Und was mich mitsingen lässt. Was im Auto niemanden - im Zug jeden stört. Wenn Blicke.... BAP scheint in diesem Zugabteil nicht wirklich gemocht zu werden. Dabei fahren wir doch nach Köln. Unangenehm.

Singen werde ich nicht mehr. Auch will ich den Tag nicht vor dem Abend - die Fahrt nicht vor der Ankunft loben. Was ich jedoch aufgrund der (bisherigen) Erfahrungen will, ist häufiger alte Gewohnheiten und scheinbare Hinderungsgründe infrage stellen, weil es sich lohnt. Manchmal. Das nächste Gespräch ist vereinbart. Die Frau spricht - nach einem freundlichen Hinweis - leiser und diese Strecke werde ich zukünftig mit der Bahn fahren. Wenn es passt.

Kesselhaus

Kesselhaus

16. März 2026

Dieses Bild entstand kurz vor einem Vortrag. In einem Raum, der früher eine Industriehalle war und dessen Name an diesem Tag nicht besser hätte passen können.

„Kesselhaus." 60 Vertriebsmitarbeiter. Industrie. Druck im Kessel.

Und mein Auftrag: Wie finden wir in diesen Zeiten Stabilität?

Keine theoretische Frage. Eine, die mir immer häufiger gestellt wird. In Unternehmen, in Gesprächen. Eine Frage, die auch ich mir gestellt habe. Immer wieder stelle. In diesen Zeiten.

Stabilität entsteht nicht daraus, sich gegen Veränderung zu wehren. Den Schuldigen zu suchen. Sie entsteht aus Akzeptanz. Und aus Erfahrung. Aus dem, was wir schon können. Aus dem Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten. Vorausgesetzt, wir kennen sie. Und nutzen sie.

Stabilität entsteht aus Sinn.

Davon spreche ich. Von Viktor Frankl, der sich im KZ nicht gefragt hat, warum ihm das passiert. Die Antwort kannte er. Die Frage machte keinen Sinn. Stattdessen hat er sich gefragt, „wofür" er es überlebt. Eine andere Frage. Eine „sinnvolle" Antwort, die ihm Kraft gab, in der schwierigsten Lebenslage eines Menschen, trotzdem Ja zum Leben zu sagen. Sinn gibt Kraft. Auch uns. Jetzt.

Wer nur nach Schuldigen sucht, verliert Energie. Wer weiß, wofür er handelt, gewinnt Kraft. Das ist das, was ich in Unternehmen immer wieder erlebe und was mir selbst in schwierigen Zeiten geholfen hat. Immer wieder hilft. 

Das hat mir an diesem Tag die Kraft gegeben, darüber zu sprechen. Mit dem Wunsch, für einen Moment den Druck aus dem Kessel zu nehmen. Mut zu machen. Und deutlich zu machen: Stabilität entsteht nicht aus der Ablehnung der Veränderung. Sie entsteht aus Erfahrung. Aus uns.

Reden hilft

Reden hilft

14. Januar 2025

Letztes Jahr war mir klar: Ich wollte eine neue Internetseite. „Wenn schon anderes, dann klarer.“ Die alte Seite war in die Jahre gekommen und es war Zeit für etwas, das klarer ist, ohne zu wissen, was klarer ist.

Und so begann die Arbeit – oder besser gesagt: die Gespräche. Denn diese Seite entstand nicht am Schreibtisch, sondern während unzähliger Telefonate mit meinem Webdesigner. Gespräche, in denen wir uns Ideen zuwarfen und diese dann direkt umsetzten. So konnte ich sofort sehen, was passte und was nicht.

Was mir zunächst gar nicht passte, war vor allem die Idee, mit großen Überschriften zu arbeiten. Mit sehr großen Überschriften. Bis ich feststellte, dass sie doch passten. Zu der Seite und zu den Themen meiner Kunden, denn es waren auch ihre Worte.

Doch als es darum ging, die Headline der Seite zu finden, wurde es plötzlich schwierig.

Ich grübelte tagelang über mögliche Überschriften nach. Versuchte es wieder einmal allein. Notierte Wörter, formulierte Sätze, suchte nach etwas, das den Kern meiner Arbeit, was mich wiedergibt. Nichts passte. Zu flach, zu austauschbar, zu wenig „ich“. Ich ärgerte mich - über mich.

Dabei war doch klar, was ich brauchte. Ein Gespräch. So warfen wir uns wieder die Gedanken zu, lachten, schwiegen und dann hörte ich den Webdesigner auf seiner Tatstatur tippen. „Ich glaube, ich hab da was. Aktualisieren Sie die Seite.“

Und da stand es: „Reden hilft.“

Ich musste laut lachen. „Reden hilft“ – das war perfekt. Es passte zu mir, zu meiner Arbeit und zur Idee der Seite. Vor allem erinnerte mich der Claim sofort an meine Fernsehsendung „Hagen hilft“. 

„Warum lachen Sie?“, fragte mein Webdesigner irritiert. „Hallo? Von ‚Hagen hilft‘ zu ‚Reden hilft‘ – wie passend ist das denn!“ „Hm“, sagte er nur. „Schadet ja nicht.“ So hatten wir die Headline der Website gefunden. Einfach, klar und genau auf den Punkt.

Erst später wurde mir klar, dass „Reden hilft“ mehr ist als eine gute Headline. Es beschreibt, was ich tue, wie ich arbeite und was mir wichtig ist: Miteinander reden, nachfragen, zuhören. Das Gespräch war immer der Kern meiner Arbeit.

Selbst in der Fernsehserie ‚Hagen hilft!‘ haben wir uns viel Zeit für die Gespräche genommen. Nur so konnte ich die Menschen und deren Probleme kennenlernen. Nur so konnten wir Lösungen finden. Im Gespräch. Oft sprach ich am ersten Drehtag mit den Protagonisten zwei Stunden, von denen dann nur wenige Minuten gezeigt werden konnten. Letzteres war nicht wichtig. Das Gespräch war wichtig, weil daraus alles Weitere entstand.

Daher war nichts passender als diese Headline für meine neue Internetseite. Und es war bei der Entwicklung meines Business-Kalenders auch klar: Dieses Jahr beginnt mit diesem Satz.

Zu Beginnen dieses Jahres wünsche ich Ihnen, dass Sie vor allem in den Momenten und Situationen, in denen Sie das Gefühl haben festzustecken, sich im Kreis zu drehen, den Mut haben, mit jemanden darüber sprechen. Natürlich können Sie auch versuchen, alles mit sich selbst ausmachen. Aber glauben Sie mir, es geht auch anders. Oft reicht ein gutes Gespräch, um neue Perspektiven zu finden und Dinge – vielleicht auch sich selbst - in Bewegung zu setzen.

Wenn Sie wollen, lassen Sie uns reden. Über Ihre Ideen, Herausforderungen und Fragen. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung – und dank meiner Website – wie wichtig ein Gespräch sein kann.

Bahnsteig - Überbelichtet

Bahnsteig - Überbelichtet

13. März 2026

Sehr oft habe ich schon hier gestanden. Am Bahnsteig. Wartend. Diesmal auch. Und ich nutze die Zeit, um die gewohnte Welt durch meine neue kleine Kamera zu sehen. Ungewohnt. Klein, kompakt und in jede (Hosen-)Tasche passend. Neu ist sie nicht. Aber für mich. Denn ich habe sie gebraucht gekauft und viel Glück gehabt. „Wie neu" stand in der Anzeige, und das stimmt. Danke.

Jetzt stehe ich hier und schaue, spiele und probiere aus. Kenne mich nicht aus. Mit Belichtung, Blende und ISO. Mit der Kamera. Die mich zwingt, nochmals anders zu sehen. Das Smartphone ermöglicht viel und ist spontan. Bei der Kamera will Spontanität gut überlegt sein. Sie will mehr. Einen anderen Blick. Den ich mir aneignen werde. Was mir Spaß macht. Das Lernen. Neues kennenlernen. Das Spielen mit den Möglichkeiten. Das Ausprobieren. Nicht nur beim Fotografieren.

Wie bei diesem Bild, das zu viel Licht bekommen hat. „Überbelichtet“. Ein Versehen. Aber in dem Moment, als ich auf das Display schaute, wusste ich: Dieses Bild ist anders. Technisch falsch. Viel zu hell. Was mir egal ist, denn ich weiß, dass dieses Bild ein Versuch ist. Und ich genau deshalb dieses Bild so mag. Meine neue Kamera so mag. Am Bahnsteig. 

P.S. Die Kamera ist eine Canon PowerShot G9 X Mark II. Ab jetzt habe ich sie immer dabei.

Damit das klar ist…

Damit das klar ist…

02. Dezember 2024

Meine Kunden haben ihn schon und einige bekommen ihn noch. Meinen Kalender für Unternehmer und Menschen, die was unternehmen.

Ein Businesskalender, der aus der Idee zu meiner Internetseite entstand, als ich die Headlines für die Seite entwickelte. Bewusst auffällig, manchmal frech oder sogar provokativ sollten sie sein. Vor allem sollten sie Situationen in nur wenige Worte zusammenfassen, in denen Unternehmer Gesprächs- oder Handlungsbedarf haben. Als die Seite öffentlich war, kamen schnell die ersten Reaktionen: „Passend. Mutig. Einfach gute Sprüche.“

„Warum also nicht mehr daraus machen“, dachte ich mir. Und so entstand die Idee für einen Kalender, der Unternehmer – und Menschen die was unternehmen - durch das Jahr begleitet. Jeder Monat greift eine Situation auf, die ich aus den vielen Gesprächen mit Unternehmern in den letzten Jahren kenne – Situationen, die sie fordern und sie manchmal einfach nur nerven.

12 Headlines, die zum Innehalten, Nachdenken und hoffentlich auch zum Schmunzeln anregen.  Überschriften wie „Reden hilft“, „I need somebody. Help!“ oder „Wir brauchen keinen Obstkorb!“ sind nicht einfach Sprüche, sondern kurze Erinnerungen an Themen, über die es sich lohnt, nachzudenken oder mit jemandem zu sprechen.  

Und wofür ein Kalender? Weil ein guter Gedanke manchmal der Anstoß ist, den wir brauchen. Monat für Monat. Und weil ich möchte, dass meine Kunden diesen kleinen Begleiter nutzen – sei es als Inspiration, als Erinnerung oder als Hinweis, mit mir darüber das Thema zu sprechen.

Und auch Sie können den Kalender haben, wenn Sie wollen. Schreiben Sie mir einfach.

Wenn Sie also ein Unternehmer sind oder jemand, der was unternehmen will und ich Ihnen jeden Monat einen Spruch mitgeben darf, dann ist dieser kleine Kalender genau das Richtige - für Sie. Damit das klar ist😊.

Mit einem Freund

Mit einem Freund

05. März 2026

Hamburg. Nicht zum ersten Mal bin ich hier, und dennoch ist es ein besonderer Aufenthalt. Denn zehn Jahre ist es her, dass ich ihn das letzte Mal persönlich sah. Einen Freund. 

Den Freund, der vor Jahren in Hamburg ein neues Leben begann und hier den Ort und die Menschen fand, die ihm das Gefühl gaben, angekommen zu sein. Und mir einen Freund nahmen. So fühlte es sich an. Vor Jahren. Für mich.

Es dauerte, bis ich verstand, dass uns mehr verband als ein gemeinsamer Wohnort. Es waren die Gespräche. Das gemeinsame Lachen. Und der rhetorische Blödsinn. Das war es, was zählte. Vor Jahren.

Und es zählt immer noch. Denn nach den vielen Jahren, in denen wir uns nicht persönlich, sondern nur per Video und Telefon sprachen, war alles wie früher. Wir lachen, wir reden, und wir sehen uns Hamburg an. Erzählend. Schweigend.

Wie vor Jahren, wenn wir zusammen waren. Die Zeit ist egal. Wir sind da. Auch wenn wir uns verändert haben. Natürlich. Und trotzdem sind wir bei uns geblieben. Wenn auch räumlich nicht nah. Unterschiedliche Menschen, die etwas verbindet, ohne dass man es genau benennen kann. Es ist einfach da.

Ich war da. In Hamburg. Um zu reden, zu lachen und rhetorischen Blödsinn zu machen. Mit einem Freund. Als sei es eine Mahnung, dass Nähe nicht in Kilometern gemessen wird.

Wenn schon anders, dann klarer

Wenn schon anders, dann klarer

26. September 2024

Klar. Herbst. Die Bäume lassen ihre die Blätter fallen, damit aus ihnen etwas Neues entstehen kann. Das Bild über das Loslassen, wird gerne im Herbst genutzt. Und es passt. Auch für mich, bzw. zu meiner Entscheidung, in diesem Herbst eine neue Internetseite aufzusetzen. Denn nach 18 Jahren Selbstständigkeit und drei Webseiten in dieser Zeit, ist es Zeit für meine vierte Internetseite. Jede meiner bisherigen Webseiten, angefangen mit der Seite als "Werte.Coach" und "Unternehmer.Berater", später die Seite "Stefan Hagen Redner" und dann "Stefan Hagen Coach", spiegelte eine Phase meines beruflichen Weges. Jetzt ist die Zeit für die nächste Phase - und genau darum geht es auch in diesem Beitrag. 
 
Zu viel des Guten 
2019 ging meine letzte Internetseite online. Sie war das Ergebnis meiner beruflichen Entwicklung in den 10 Jahren seit der Fernsehserie „Hagen hilft“ und hatte den Schwerpunkt Business-Coaching. Sie war voll mit Informationen zu allen Facetten meiner Arbeit. Sie war gut und es war viel. Vielleicht zu viel des Guten. Es wurde unübersichtlich, nicht nur für mich, sondern auch für die Lesenden. Die Webseite zeigte viel, verlor aber an Klarheit. 
 
Nicht besser. Nicht schlechter. Nur anders.
Getreu meines Mottos "Nicht besser. Nicht schlechter. Nur anders.“ sollte meine neue Seite deshalb anders sein. Anders als meine bisherigen und auch anders als andere Seiten. Vor allem sollte sie vermitteln, worum es in der Zusammenarbeit geht. Es geht um Klarheit, Struktur und Prioritäten. Es macht meiner Meinung nach Sinn, wenn eine Internetseite den Schwerpunkt der Zusammenarbeit und auch die Persönlichkeit des Unternehmens oder - in diesem Fall - die des Unternehmers vermittelt. Daher war mir klar, dass ich auf der neuen Seite von vielem liebgewonnenen loslassen musste, um klarer zu werden.  
 
Ordnung ist das halbe Leben 
Mein Vater sagte oft: „Ordnung ist das halbe Leben.“ Meine Antwort? „Die andere Hälfte ist schöner.“  Ich glaube, wir hatten beide Recht. Heute weiß ich: Ordnung mag nicht immer spannend sein, aber sie macht das Arbeiten effizienter – und das gilt auch für Webseiten. Auch für meine, die jetzt aufgeräumter, strukturierte und – Sie ahnen es - klarer ist. 
 
Und vielleicht auch mit den großen Überschriften etwas provokanter. Wussten Sie eigentlich, dass ich in den Gesprächen gerne Ansätze des provokativen Coachings verwende? Statt langer Texte und Erklärungen konzentriere ich mich jetzt auf das Wesentliche: Darauf, was Sie brauchen, was ich leiste, was andere sagen und wofür ich das mache. Wenn Ihnen noch etwas fehlt, schreiben Sie mir. Eine Kontaktseite gibt es natürlich auch. Und einen Blog. 
 
Business-Sparring 
Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was Business-Sparring eigentlich ist, denn der Begriff ist noch nicht so verbreitet wie z.B. Coaching. Sparring kennen Sie sicher aus dem Boxsport, aber keine Angst, bei mir landen Sie nicht auf den Brettern, auch wenn ich Sie in unseren Gesprächen aus der Deckung locke. Mit dem Business-Sparring habe ich eine besondere Form der Zusammenarbeit entwickelt, die Beratung, Coaching und Wertschätzung miteinander verbindet. Das macht diese Form der Zusammenarbeit besonders: besonders flexibel, besonders intensiv und besonders effektiv.  
 
Der nächste Schritt 
Entwicklung ist überlebenswichtig für Unternehmer – und genauso wichtig ist es, den nächsten Schritt zu gehen, wenn die Zeit reif ist. Für einen solchen Schritt habe ich mich mit der neuen Seite entschieden. Eine Entscheidung für eine klare Positionierung als Business-Sparringspartner. Ich freue mich darauf, mit Ihnen über diese Entscheidung und die neue Internetseite zu sprechen. Noch mehr freue ich mich darauf, mit Ihnen über Ihre Entwicklung, Ihre Entscheidungen und über Ihre nächsten Schritte zu sprechen. Denn dafür bin ich da.
 
Der Dank geht an 
linkemann :cooperate designs.
In unzähligen Gesprächen haben Michael Linkemann und ich über das Leben und die Zeit philosophiert. Während dieser Gespräche entstand eine Idee, dann Klarheit und dann eine neue Internetseite. Dabei brauchte er unfassbare Geduld und Überzeugungskraft, wenn meine Vorschläge wieder einmal nicht umsetzbar waren, mehr Verwirrung als Klarheit stifteten oder einfach nur blöd aussahen. Immer wieder musste er mich auf den Pfad der Vernunft - und Nutzbarkeit - zurückführen und dabei neue Ideen einbringen. Das hat Michale Linkemann nicht nur geschafft, es hat auch viel Spaß gemacht. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Finden wir. Dass wir jetzt beide zufrieden sind, zeigt vor allem eines: Reden hilft.
 
Ok. Und jetzt? 
Und jetzt wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Lesen und Hören, denn in der neuen Seite steckt nicht nur viel Arbeit, sondern auch Musik. Ich bin gespannt: Auf Ihr Feedback und unserer Gespräche, denn dafür bin ich da. 

Sein´s mir nicht grantelig

Sein´s mir nicht grantelig

16. September 2025

Er ist 85 Jahre und das Wort „alt“ will mir gerade nicht in den Sinn kommen. Dafür ist er zu jung. Geistig. Vor allem wenn er erzählt. Von sich und seiner Praxis in der er immer noch praktiziert. Jeden Tag, als praktischer Arzt.

Er erzählt von seinem Niederösterreich, von Bewegung, Ernährung – und vom Genuss. Vom Wein. Und von seiner Frau, die bei ihm ist und wiederum von seiner Mutter erzählt, deren gute Gene er geerbt hat. „Aber die besten Gene nützen nichts, wenn wir sie nicht pflegen“, sagt er mit einem Blick, der einen nicht mehr loslässt. Ein Satz, der mir in Erinnerung bleibt.

Aber nicht nur dieser. Viele solcher Sätze werden noch folgen. Sätze voller Lebensfreude und Lebenserfahrung, die mein Vater und ich noch hören werden. In diesem kurzen Gespräch. Bei dieser kurzen Begegnung auf dem Schiff. Auf dem mein Vater sich mit 86 Jahren einen Traum erfüllt. Einmal eine Kreuzfahrt machen. Bei der ich ihn begleiten darf.

Und neue Menschen kennenlernen und mit ihnen sprechen darf. Was mir Spaß macht. Vor allem, wenn ein Mensch so begeistert und offen für meine Fragen ist. Zum Beispiel nach seiner Kraft. Woher er diese für seine Aufgabe nimmt. „Seine Leidenschaft. Er war schon Arzt, als er noch kein Arzt war, als ich ihn kennenlernte“, sagt seine Frau und lacht. Noch mehr lacht sie, als ich sie frage, ob auch sie noch jeden Tag in der Praxis ist: „Natürlich. Ohne mich wäre mein Mann sicher ein hervorragender, aber ein bettelarmer Arzt."

Dann spricht der Arzt mit glänzenden Augen von einer Frau, die vor kurzem mit einer schweren Diagnose in seine Praxis kam. Sie erzählte ihm, dass er sie vor 65 Jahren, damals in seiner Zeit als Assistenzarzt in der Gynäkologie einer Klinik, auf die Welt geholt habe und dass sie sich nun wünsche, dass er sie auch bei ihrem bevorstehenden Abschied von dieser Welt begleite. Mich schaudert es, aber er sagt: „Stellen Sie sich das vor. Ich darf Menschen mit dem, was ich so gerne tue, ihr ganzes Leben begleiten." Ich frage ihn, ob ihn das nicht schmerzt. „Schon, aber es ist das Leben. Es ist mein Leben. Und ich will es noch so lange wie möglich leben.“

„Und schauen sie. Irgendwann ist jedes Leben vorbei. Auch das Ihres Vaters. Auch meines. Auch Ihres. Aber ist es dann nicht schön zu wissen, dass wir jeden Tag etwas tun durften, das uns Spaß gemacht hat? Und das Sinn gemacht hat? Stellen Sie sich vor, Sie müssten jeden Tag etwas machen, das Sie langweilt, und sich zur Arbeit zwingen. Jeden Tag! Das wäre doch die Hölle auf Erden. Ich hatte Freunde, die die Jahre und Tage bis zu ihrer Pensionierung zählten. Das ist doch Wahnsinn. Der Tod auf Raten. Nicht mit mir“. Sagte er mit voller Überzeugung und Kraft.

Ich lache und will noch mehr von ihm erfahren. Von seinem Leben. Von ihm. Doch der Arzt sagt: „Seins mir net grantelig, ich gehe jetzt auf die Kabine, meine guten Gene pflegen. Schlafen. Haben´s a gut Nacht und passen´s auf sich auf.“

Was mein Vater auch macht, denn auch er geht dann ins Bett. Ich nicht. Ich gehe wieder auf Deck, finde einen ruhigen Platz, trinke mir noch ein Glas Wein und denke an den Arzt. An seine Begeisterung und an seine Leidenschaft für seinen Beruf. Seine Berufung.

Die restliche Reisewoche denke ich noch oft an das Gespräch. An das Ehepaar, das wir leider nicht mehr trafen. Doch mir war klar, dass ich nicht „grantelig“, sondern dankbar bin. Dankbar für das Gespräch und die Erkenntnis, dass der beste Beruf nichts nützt, wenn er keinen Sinn mehr gibt. Wenn wir ihn nicht pflegen. Den Sinn. Den Beruf. Das Leben.

Volljährig

Volljährig

03. Juni 2024

Es ist Samstag. Es ist der 01.06.2024 und ich wache mit einem Gedanken auf: „Volljährig“.

Heute vor 18 Jahren habe ich den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Bzw. „wir“ haben uns auf den Weg gemacht, denn die Entscheidung zu diesem Schritt haben meine Frau und ich in dem Bewusstsein getroffen, dass dieser Schritt nicht nur mein, sondern auch unser Leben verändern wird.
Ein Weg, den ich nun seit 18 Jahren gehe. Vom Coach und Unternehmensberater, zum Vortragsredner, Dozenten, Buchautor, Trainer und schließlich zum Business-Coach, der heute vor allem Sparringspartner für Unternehmer:innen und Geschäftsführer:innen bis hin zu Vorständen von Aktiengesellschaften ist.

Wenn ich auf den bisherigen Weg zurückblicke, dann war er alles andere als geradlinig und vorhersehbar. Es war ein Weg mit Erfolgen, Misserfolgen, zwischenzeitlich mit einer eigenen Fernsehserie und einem Hirntumor. Mit Widerständen, Herausforderungen und Neuorientierungen. Und mit vielen Erkenntnissen und Erfahrungen, die mich haben reifen lassen.

Kürzlich habe ich meiner Frau bei einem Glas gut gereiftem Wein gesagt, dass ich ihr sehr dankbar bin, dass sie mir die Selbstständigkeit zugetraut und sich mit mir auf den Weg gemacht hat. Und dass ich das, was ich mache, sehr gerne und hoffentlich noch lange mache: Mit Menschen sprechen, ihre Gedanken sortieren und für sie da sein. Dafür bin ich da.

Danke an die Menschen, die mir seit 18 Jahren vertrauen und sich mir anvertrauen. Die mir geholfen haben und weiterhelfen werden, diesen Beruf für mich zu entwickeln. Mich weiterzuentwickeln und beruflich erwachsen zu werden.

Volljährig!

Ihr Stefan Hagen

Elf Jahre

Elf Jahre

28. August 2025

Elf Jahre lag sie neben mir. Jeden Abend, wenn ich einschlief. Jeden Morgen, wenn ich aufwachte. Sie war da. Verlässlich. 

Tagsüber sorgte sie dafür, dass ich auf dem richtigen Weg blieb, nicht falsch abbog und das Ziel nie aus den Augen verlor. Elf Jahre. Sie gab meinem Leben Schärfe und ließ mich nie den Überblick verlieren.

Natürlich hatte auch sie ihre Ecken und Kanten. Dennoch, sie war ein Teil von mir. Begleitete mich überall mithin. Sie gehörte zu mir. Und ich zu ihr. Elf Jahre.

Aber auch an ihr ging nach elf Jahren die Zeit nicht spurlos vorbei. Ihre leichte Patina wirkte zwar charmant, aber in den letzten Monaten hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht mehr mit ihr stimmte. Ihr Blick wirkte verschwommen. Sie brauchte Distanz. Oder ich wollte sie, die Distanz. Immer häufige schaute ich an ihr vorbei, vergaß und suchte sie. Langsam, ganz langsam spürte ich, dass bei uns etwas nicht mehr passte. Dass sich etwas verändert hat. Dass sich bei mir etwas verändert hat.

Zuerst dachte ich, dass es reicht, auch bei ihr etwas zu ändern. Einfach nur ein oder zwei Dinge zu verändern. Aber schnell war mir klar - war uns klar, dass es bei uns nicht mehr so klar wie früher werden wird. Denn wenn wir Dinge an anderen verändern wollen, können die anderen daran zerbrechen. Nach Elf Jahren.

Dann kam der Tag. Ich lernte eine neue kennen. Oder besser, es waren gleich drei. Alle hatten etwas. Doch alle drei waren anders. Nicht besser, nicht schlechter, nur anderes. Anders als die bisherige. Schlanker, runder oder farbiger. Und ich stellte mir vor, wie es wäre, mit einer von den dreien. Daher stellte ich die drei den Menschen vor, die mir wichtig sind.

Meine Tochter protestierte. Sie schimpfte. Sie wollte nichts Neues. Die alte wäre besser. Sie gehöre zu mir und ich zu ihr. Ohne sie, sei ich nicht wie ich. Fand sie. Doch ich fand in den dreien diejenige, die mir immer mehr gefiel. Und die ich deshalb dem Menschen vorstellte, der mich auch schon ohne die bisherige kannte und der mich auch kannte, wenn die neue, wieder eine alte sein wird. Hoffentlich. Der Mensch, mit dem ich alles teile. Mein Leben.

Und dieser Mensch fand, dass die neue ungewohnt sei. Mich ruhiger, sanfter, vielleicht sogar etwas schlauer erscheinen ließe. „Schlauer kann sie nicht, aber wenn es so wirkt“, dachte ich mir. Und dann nahm ich sie mit. Jetzt gehört sie zu mir. Wie lange, weiß ich nicht. Das wissen wir nie. Wir wissen nie, wie lange ein gemeinsamer Weg gehen wird. Wie klar wir gemeinsame in die Zukunft sehen werden.

Aber eines weiß ich: Auch meiner Frau gefällt sie. Meine neue Brille.

P.S. Meine Frau und ich sind nun seit fast 34 Jahren zusammen. Wir haben in unserem gemeinsamen Leben viele Brillen kommen und gehen sehen. Was blieb, sind wir. Weil wir wissen, dass eine neue Brille uns einen anderen Ausdruck verleihen kann. Aber dass viel wichtiger ist, wie wir sind. Für uns da sind. Mit oder ohne Brille.

Marienbad

Marienbad

29. April 2024

Noch einmal schaue ich dankbar zurück

Plötzlich bricht die Sonne durch die Wolken und lässt mich anhalten, noch einmal aussteigen und einen letzten Blick auf das von der Sonne angestrahlte Hotel werfen. Das Hotel, in dem ich die letzten Nächte verbracht habe. Die letzten und viele Nächten in den letzten 12 Jahren. Denn seit 12 Jahren bin ich nicht nur Gast in diesem Hotel. 12 Jahre habe ich auch das Unternehmerehepaar dieses Hotels begleitet. Mit unseren Gesprächen, in denen wir immer wieder darüber gesprochen haben, wie es weitergeht, damit es weitergeht. Doch jetzt ist es an der Zeit, einen anderen Weg zu gehen.

Viele Gäste haben sich heute verabschiedet. Mit Tränen in den Augen, weil sie wissen, dass sie nach vielen Jahren - teils Jahrzehnten, nicht mehr in dieses Hotel kommen und nicht mehr mit den Inhabern sprechen, nicht mehr diese familiäre und ungewöhnlich herzliche Atmosphäre genießen werden, weil das Hotel bald schließen wird.

Auch ich habe mich vor wenigen Minuten verabschiedet, habe den Chef des Hauses noch einmal durch den langen Flur auf mich zukommen sehen. Wie vor 12 Jahren, als ich das erst Mal das Haus betrat und von einer Mitarbeiterin nicht nur mit einem Lächeln, sondern auch mit meinem Namen begrüßt wurde, obwohl sie mich nicht kannte.  Der Inhaber kam mit großen Schritten auf mich zu und rief von weitem schon „Grüß Gott Herr Hagen“.  Schnell spürte ich, dass dies keine aufgesetzte Begrüßung, sondern eine besondere Herzlichkeit, Lebensfreude und ein besonderes Merkmal dieses Hauses war.

Dass das Unternehmen auch besondere wirtschaftliche Probleme hatte, erfuhr ich erst im Laufe des Gesprächs. Es war sicher nicht das modernste Hotel, aber bei der Besichtigung lernte ich schnell den ursprünglichen und traditionellen Charme des Hauses kennen. Und dann die Bilanzen mit ungewöhnlich hohen Belegungszahlen. „Sie haben kein Umsatzproblem. Sie haben ein Bankproblem“, war meine spontane Reaktion, als ich mir einen Überblick über die wirtschaftliche Situation verschafft hatte. Und es war der Satz, an den die Eigentümer sich gerade bei unserer Verabschiedung erinnerten. Was mich an die riskante und von der damaligen Hausbank vorgeschlagenen Finanzierung erinnerte, die nicht nur rechtlich bedenklich, sondern auch wirtschaftlich nicht tragfähig war. Weshalb die Kündigung der bestehenden Darlehen und die Schließung des Hotels drohte. Vielleicht, weil die Bank es wollte. Die Schließung und das Grundstück.

Seit diesem Gespräch ist viel passiert, viel miteinander gesprochen und noch viel mehr mit Leidenschaft und Kraft umgesetzt worden. Von den Inhabern, der Familie und dem gesamten Team. Mit Erfolg. Doch leicht war es nie. Sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag. Mindestens. 40 Jahre im Betrieb. In dritter Generation. Selten im Urlaub, wenn überhaupt. Renovieren, sanieren und investieren und dabei den besonderen Charakter des Hauses bewahren. Immer wieder. Das Haus und die Gäste kamen nie zur kurz. Die Familie, das eigene Leben sehr oft. 

Bis zur Pandemie. Plötzlich war es still. Alles war anders. Es gab Zeit für die Familie und die Ruhe zum Nachdenken. Über die Zukunft, über die Nachfolge über die plötzliche Krankheit, die wie die Pandemie wieder ging, aber Spuren hinterließ. Eine Zeit, die vieles verändert hat. Bei den Inhabern, dem Team und den geplanten Nachfolgern. Die Gäste kamen wieder. Mehr denn je. Die Kraft der Eheleute und der Familie nicht.

So entstand die Entscheidung, verbunden mit emotionalen Höhen und Tiefen und vielen Tränen. Und mit der Erkenntnis, dass Sie jetzt noch die physische und wirtschaftliche Kraft haben, den Betrieb zu schließen. Weil Sie es können. Nicht weil Sie es müssen. Nicht, weil die Bank es will, oder die Gäste das Hotel nicht mehr wollen. Sondern weil Sie wissen, dass es jetzt an der Zeit ist, andere Wege zu gehen.

Die Sonne lächelt zum Abschied und ich lächle, als ich an den Abschied denken. Bei dem wir uns umarmt und versprochen haben, uns wiederzusehen und zu sprechen. In den Wochen bis zur endgültigen Schließung des Betriebs. Und auch darüber hinaus. Ich steige ins Auto, fahre nach Hause und denke an die vielen gemeinsamen Jahre, an die vielen Gespräche über die vielen Gedanken, Ideen und Themen. Und mir wird klar, dass ich in dieser Zeit viel von dem Unternehmerehepaar gelernt habe, über Charakter, Lebensfreude und über mich.

Noch einmal schaue ich dankbar zurück und genieße den letzten Blick. 

Gefragt Teil 2

Gefragt Teil 2

18. Juni 2025

GEFRAGT

Eine kleine Reihe von Fragen, die mir vor einem Jahr in München gestellt wurden. Gerne gebe ich diese Frage weiter. Als Einladung. Zum Nachdenken. Und sich selbst diese Fragen zu stellen. Um die eigenen Antworten zu finden.

Eines deiner Themen ist „Mut“. Was macht mutige Menschen aus?

„Das ist einfach“, denke ich. Ich habe oft darüber gesprochen – in Vorträgen, in Gesprächen. Über Mut. Und was ich darunter verstehe. Zum Beispiel, wie wichtig er bei Entscheidungen ist.

Doch während ich spreche, merke ich: Es ist gar nicht so einfach, das, was mir wirklich wichtig ist, in wenige Worte zu fassen. Weil es überall zu lesen ist und dennoch so komplex ist. Das Thema „Mut“. Denn Mut wird oft als das Gegenteil von Angst beschrieben. Aber das ist es nicht. Ganz im Gegenteil. Für mich. Angst ist keine Schwäche. Angst ist eine Emotion – mit die stärkste, die wir haben. Und Angst ist nicht falsch. Wer keine Angst hat, ist nicht mutig. Sondern übermütig. Finde ich.

Davon erzähle ich. Die eigentliche Frage ist: Wie gehe ich mit meiner Angst um? Wo endet sie – und wo beginnt der Mut? Mut braucht keine Heldenpose.

Mut ist eine Haltung.

Mutige Menschen akzeptieren ihre Angst. Und verwandeln sie – in Respekt. In Richtung. Weil sie wissen, was sie wollen. In diesem Moment. Bei dieser Entscheidung. Im Leben. Mut braucht Kraft. Und diese Kraft entsteht nicht durch Sicherheit, sondern durch Richtung. Wenn ich weiß, was ich will, kann ich die Angst akzeptieren. Und sie verwandeln. In Respekt, der schützt. Denn Angst blockiert. Respekt schützt.

Vielleicht habe ich in München davon erzählt. Vielleicht nicht alles. Nicht so klar. Weil es in mir selbst noch nicht so klar war. Im Kopf.

Aber eines war mir klar. Mut entsteht nicht nur im Kopf. Mut entsteht im Leben. Durch das Leben.

Manchmal fällt das Aufstehen schwer

Manchmal fällt das Aufstehen schwer

24. Februar 2024

Das Aufstehen fällt mir schwer. An die Schritte nach vorne, zum Pult,
an die erinnere ich mich nicht mehr.

Nur daran, dass ich mit zitternder Hand den Text aus der Jackentasche ziehe. Den Text, über den ich tagelang nachgedacht, den ich erst wenigen Stunden zuvor geschrieben habe und den ich jetzt vorlesen werde. Sonst spreche ich frei. Heute nicht. Heute halte ich mich fest, an dem Text und an der Absicht, einen Wunsch zu erfüllen.

10 Minuten. Mehr Zeit habe ich nicht. Und nachdem ich lange mit mir gerungen und mich dann doch entschieden habe, doch heute zu sprechen, frage ich mich, wie ein Leben in 10 Minuten passen soll. Weil so viel passiert in einem Leben. Weil das Leben zu voll ist für 10 Minuten.

Und so beginne ich mit brüchiger Stimme vom Leben zu erzählen. Von der Bescheidenheit, die aus der Kindheit ins Leben mitgenommen und der Fürsorge, die in andere Leben weitergegeben wurde. Von der Disziplin und der Grundbockigkeit, die in unseren Leben weitergelebt und von dem wertschätzenden Humor, mit dem man oft über sich selbst, aber nie über andere gelacht wurde. Vor allem von der Dankbarkeit, die im Leben gefunden und die heute von uns empfunden wird. So spreche ich von Geschichten und Erlebnissen, die die Leben verbinden und die sich schnell finden, als wir vor Tagen darüber sprachen. Über die wir jetzt lachen. Und weinen. Weil die Erinnerung schmerzhaft, im Bewusstsein jetzt endlich ist.

Oft atme ich tief ein, schaue in Gesichter und sehe die Leben, die das Leben begleitet haben, die so wichtig für das Leben waren. Dann sage ich Danke und verneige mich, nehme den Text und gehe die Schritte zurück. Noch nie fiel mir das Sprechen so schwer. Das Hinsetzen jetzt nicht mehr. Denn ich spüre, dass es meinem Vater wichtig war, seinen Wunsch zu erfüllen und dass es für mich richtig war, bei dem Abschied meiner Mutter zu sprechen.

Ihr Stefan Hagen

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