Die Kugel

Die Kugel

Nur eine Übung. Im Rahmen eines Fotoworkshops, in dem ich den Umgang mit meiner kleinen Kamera verbessern wollte. „Raus aus dem Automatikmodus!" Das war mein Wunsch. Das war das Versprechen.

Ein Tag, an dem ich viel erfuhr. Über die Kamera, die Technik und die Bildgestaltung. Über die Vollautomatik, bei der die Kamera mir alles abnimmt. Weil sie die Blende, die Zeit und das Bild selbst bestimmt. Mein Bild bestimmt.

Was reizvoll sein kann. Vor allem, wenn es schnell gehen soll und die Erfahrung ohne die Automatik fehlt. Was aber nicht der Anspruch sein kann. An mich. An mein Bild. Daher war der erste Schritt die Halbautomatik. Entweder Zeit oder Licht. Um eines von beiden kümmere ich mich nicht. Weil es die Kamera macht. Was hilfreich ist und das Bild schon mehr zu meinem macht. Aber immer noch nicht meines ist.

Das denke ich mir, während ich dem Coach zuhöre und nachfrage. Theorie. Sehr gut erklärt. Die Schärfentiefe, die mir noch nicht gelingt. Doch Lernen gelingt nur durch Erleben. Was wir dann machen. Üben. Mit den Kugeln, die auf einem kleinen Billardtisch liegen. Mit der Kugel, auf der der Fokus liegt. Die Aufgabenstellung ist klar. ISO und Blende werden vorgegeben. Mal niedrig, mal hoch, um den Unterschied in der Schärfentiefe zu sehen. Was schnell gelingt. Die Kugel ist scharf, der Hintergrund unscharf. Genug Tiefe. Die richtige Blende. So soll es sein. In der Aufgabenstellung.

Doch es gefällt mir nicht. So, wie es sein soll. Wie es andere haben wollen. Und ich lasse es sein, gehe zur nächsten Aufgabe. Stelle ein, was gewünscht ist. Mache wieder ein Bild. Wie es gewünscht ist. Und gehe zurück zu der Kugel. Sie lässt mich nicht los. Ich knie mich hin, verändere die Perspektive. Nicht der Tisch, nur die Kugel interessiert mich. Die anderen Kugeln nicht. Ich gehe noch näher an sie heran, wähle eine andere Blende und erkenne die Tiefe. Ich sehe das Bild, wie es sein soll. So, wie ich es haben will. So, wie ich es gestalten werde. Am Abend, wenn ich mir die Zeit dafür nehme. Die Farbe raus, den Hintergrund heller und die Kugel fast zentriert.

Erschöpft fahre ich nach Hause. Ein Tag voller Technik, Blende, Schärfentiefe. Richtig und wichtig. Ein Tag, der mir nicht nur etwas über das Fotografieren beigebracht hat. Der mir eine Frage gestellt hat. Wann haben wir zum letzten Mal die Vollautomatik ausgeschaltet und uns die Zeit genommen, etwas zu unserem Eigenen zu machen? Das Unternehmen. Das Leben.