Elf Jahre lag sie neben mir. Jeden Abend, wenn ich einschlief. Jeden Morgen, wenn ich aufwachte. Sie war da. Verlässlich.
Tagsüber sorgte sie dafür, dass ich auf dem richtigen Weg blieb, nicht falsch abbog und das Ziel nie aus den Augen verlor. Elf Jahre. Sie gab meinem Leben Schärfe und ließ mich nie den Überblick verlieren.
Natürlich hatte auch sie ihre Ecken und Kanten. Dennoch, sie war ein Teil von mir. Begleitete mich überall mithin. Sie gehörte zu mir. Und ich zu ihr. Elf Jahre.
Aber auch an ihr ging nach elf Jahren die Zeit nicht spurlos vorbei. Ihre leichte Patina wirkte zwar charmant, aber in den letzten Monaten hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht mehr mit ihr stimmte. Ihr Blick wirkte verschwommen. Sie brauchte Distanz. Oder ich wollte sie, die Distanz. Immer häufige schaute ich an ihr vorbei, vergaß und suchte sie. Langsam, ganz langsam spürte ich, dass bei uns etwas nicht mehr passte. Dass sich etwas verändert hat. Dass sich bei mir etwas verändert hat.
Zuerst dachte ich, dass es reicht, auch bei ihr etwas zu ändern. Einfach nur ein oder zwei Dinge zu verändern. Aber schnell war mir klar - war uns klar, dass es bei uns nicht mehr so klar wie früher werden wird. Denn wenn wir Dinge an anderen verändern wollen, können die anderen daran zerbrechen. Nach Elf Jahren.
Dann kam der Tag. Ich lernte eine neue kennen. Oder besser, es waren gleich drei. Alle hatten etwas. Doch alle drei waren anders. Nicht besser, nicht schlechter, nur anderes. Anders als die bisherige. Schlanker, runder oder farbiger. Und ich stellte mir vor, wie es wäre, mit einer von den dreien. Daher stellte ich die drei den Menschen vor, die mir wichtig sind.
Meine Tochter protestierte. Sie schimpfte. Sie wollte nichts Neues. Die alte wäre besser. Sie gehöre zu mir und ich zu ihr. Ohne sie, sei ich nicht wie ich. Fand sie. Doch ich fand in den dreien diejenige, die mir immer mehr gefiel. Und die ich deshalb dem Menschen vorstellte, der mich auch schon ohne die bisherige kannte und der mich auch kannte, wenn die neue, wieder eine alte sein wird. Hoffentlich. Der Mensch, mit dem ich alles teile. Mein Leben.
Und dieser Mensch fand, dass die neue ungewohnt sei. Mich ruhiger, sanfter, vielleicht sogar etwas schlauer erscheinen ließe. „Schlauer kann sie nicht, aber wenn es so wirkt“, dachte ich mir. Und dann nahm ich sie mit. Jetzt gehört sie zu mir. Wie lange, weiß ich nicht. Das wissen wir nie. Wir wissen nie, wie lange ein gemeinsamer Weg gehen wird. Wie klar wir gemeinsame in die Zukunft sehen werden.
Aber eines weiß ich: Auch meiner Frau gefällt sie. Meine neue Brille.
P.S. Meine Frau und ich sind nun seit fast 34 Jahren zusammen. Wir haben in unserem gemeinsamen Leben viele Brillen kommen und gehen sehen. Was blieb, sind wir. Weil wir wissen, dass eine neue Brille uns einen anderen Ausdruck verleihen kann. Aber dass viel wichtiger ist, wie wir sind. Für uns da sind. Mit oder ohne Brille.